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Ökonomie

Verborgene Zusammenhänge in der Wirtschaft

Die derzeit hohe Inflationsrate und steigende Preise bereiten vielen Sorgen. Wie können Zentralbanken Preise und Wirtschaftsleistung beeinflussen? Den Mechanismen dahinter gehen Klagenfurter Forscher auf den Grund.

Der Wochenendeinkauf ist schon wieder teurer geworden? Man ärgert sich und fragt sich, warum. Ökonomen wie Martin Wagner vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Klagenfurt befassen sich damit, wie die Preise durch die Geldpolitik beeinflusst werden. „Es ist nicht so, dass man geldpolitische Entscheidungen am nächsten Tag im Supermarkt zu spüren bekommt“, sagt er. „Aber sie haben einen Einfluss und geben die Richtung vor, in die das Schiff steuert – und bis zu einem gewissen Grad auch die Geschwindigkeit.“

Der Experte leitet ein Forschungsprojekt, bei dem es darum geht, die Wirkmechanismen der Geldpolitik besser zu verstehen. Die Erkenntnisse sollen den Notenbanken helfen, Lenkungsmaßnahmen möglichst optimal zu gestalten, um wirtschaftliche Stabilität zu sichern und Krisen zu vermeiden. Sein Team widmet sich vor allem der Rolle der Geldnachfrage sowie den im Umlauf befindlichen Geldmengen und deren Entwicklung. Wagner erklärt, wie sich diese Mengen ändern: „Wenn eine Bank jemandem einen Kredit gewährt, dann entsteht dadurch auf dem Konto dieser Person oder Firma ein Guthaben in der Höhe des Kredites. Damit ist die Geldmenge um diesen Betrag gewachsen.“ Die Notenbanken können regulierend eingreifen, etwa durch das Setzen von Leitzinssätzen: Wenn die Wirtschaft schwächelt, werden durch Senken der Zinsen die Finanzierungsmöglichkeiten verbessert. „Umgekehrt werden die Schrauben angezogen, wenn die Wirtschaft boomt und die Preise galoppieren“, erklärt Wagner.

Gelten alte Weisheiten noch?

Von besonderer Bedeutung ist die von Experten als „M3“ bezeichnete Geldmenge, die sowohl Bargeld umfasst als auch Spareinlagen, Geldmarktpapiere und Bankschuldverschreibungen bis zu zwei Jahren Laufzeit. Sie hat sich in den vergangenen 20 Jahren in der Eurozone auf rund 14,5 Billionen Euro verdreifacht. „Dieses starke Wachstum bereitet manchen Sorge – vor allem vor dem Hintergrund einer alten Doktrin der Ökonomik, dass nämlich auf lange Sicht das Wachstum der Geldmenge in engem Bezug zur Inflationsrate steht.“ Ob diese Sorge berechtigt ist, versuchen die Klagenfurter Experten herauszufinden. „Die Frage ist, ob althergebrachte Weisheiten noch uneingeschränkt gelten oder nicht zusätzliche Faktoren eine Rolle spielen“, formuliert Wagner die Stoßrichtung des Forschungsprojekts. Nicht alle Phänomene sind von den Notenbanken beeinflussbar, müssen von diesen aber dennoch im Blick behalten werden. „Welchen Effekt hat etwa die Globalisierung, die es erlaubt, eine große Auswahl an Gütern günstig, also mit einem preisdämpfenden Effekt, importieren zu können? Welchen Effekt hat die Alterung der Bevölkerung? In einer Bevölkerung mit hoher Lebenserwartung wird viel gespart, um für den Ruhestand vorzusorgen. Die entsprechend große Nachfrage nach Anlagemöglichkeiten wirkt zinssenkend.“

Auch den Einfluss der Digitalisierung sowie mögliche weitere Ursachen für veränderte Zusammenhänge wollen die Forscher untersuchen, die dafür notwendigen Verfahren entwickeln sowie Daten aus verschiedenen Ländern über unterschiedliche historische Perioden hinweg analysieren. Das vom Jubiläumsfonds der Nationalbank unterstützte Projekt startet demnächst, Ergebnisse werden für Ende 2025 erwartet.

In Zahlen

14,5 Billionen Euro beträgt der Wert des Geldes, das derzeit im Euroraum in Umlauf ist. Die Menge kann durch Geldschöpfung im Rahmen von Kreditvergaben erhöht oder durch Kredittilgung gesenkt werden.

2 Prozent pro Jahr – das ist die Inflationsrate, die im Euroraum als Ziel festgelegt ist, um Preisstabilität zu gewährleisten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2022)