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Schutz der Artenvielfalt

Regenwürmer und Menschen: Vielfalt beginnt im Boden

Bodengesundheit ist auch Pflanzengesundheit.
Bodengesundheit ist auch Pflanzengesundheit.Ute Woltron
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Der Schutz der Artenvielfalt beginnt unter anderem im Erdboden. Warum man Acker und Garten nicht umgraben, sondern mit Mulch und anderem füttern und verwöhnen sollte.

Es gab Zeiten, da waren manche meiner Rabatten so säuberlich, ordentlich und keimfrei gepflegt wie das Gedeck eines Operationsbestecks. Kein Unkraut, kein Mulch, nichts. Nur die Pflanzen, die man als diktatorischer Chef des Areals zu wachsen dekretiert hatte, und dazwischen – nichts. Außer makelloser, unbewachsener Erde, das scheinbar vorbildliche Resultat stundenlangen Zupfens. Von diesem Wahn bin ich befreit, und seither ist alles viel besser geworden, in jeder Hinsicht.

Der Boden, insbesondere die oberste Humusschicht, funktioniert, grob formuliert, wie ein großes Lebewesen, oder wie ein Organ. Aus diesem Boden ziehen die Pflanzen die Kraft, die sie brauchen, um zu wachsen, zu gedeihen, um sich gegen Krankheiten zu wappnen, um ihre Blüten mit Farben zu schmücken, ihre Bestäuberinsekten anzulocken und um möglichst viel Aroma in die Frucht zu treiben. Die Bodengesundheit steht in direktem Verhältnis zur Pflanzengesundheit.

Der Mensch kann vieles, doch eines sicher nicht, nämlich Erde herstellen. Dazu braucht es die unterirdischen Helfer, also Pilze, Bakterien, Regenwürmer und all die anderen unbekannten Kreaturen, die wir missachten, weil wir keine Ahnung von ihrer Existenz haben.

Vielfalt beginnt im Boden. Der Biobauer und Regenwurmpapst der Nation, Alfred Grand, hat das soeben in einem der empfehlenswerten Seminare der Arche Noah wieder einmal zum Ausdruck gebracht: „Die Vielfalt beginnt im Boden.“ Und die Vielfalt ist das, was wir gerade ruinieren. Im Lichte des Klimawandels geht dieses Thema aus völlig unerfindlichen Gründen unter, dabei ist der rasante Schwund der Arten das, was diesen Planeten letztgültig aus dem Gleichgewicht bringt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Insektenbiomasse unserer Breiten um 80 Prozent reduziert. Wenn das nicht alle Alarmglocken schrillen lässt! Warum die mediale Berichterstattung dazu eine derartige Schieflage hat, bleibt rätselhaft. Es geht nicht nur um Biene und Schmetterling, doch wo sind die Gegenmaßnahmen?

Die Vielfalt schwindet, weil wir die Lebensräume vernichten und einen raubritterartigen Umgang mit dem Boden pflegen, woran unter anderem die industrialisierte Landwirtschaft maßgeblich beteiligt ist. Sie produziert mit großem Aufwand und unter klimavernichtenden Voraussetzungen – Stichwort mineralische Düngung – tote Böden und darauf Monokulturen, die am lebenserhaltenden Tropf der Düngemittelindustrie hängen. Angesichts der Agrarförderstrukturen der EU, die alles auf das Krasseste bevorteilt, was mittlerweile erwiesenermaßen zum Untergang dieser Vielfalt führt, kann man verzweifeln, auf die Barrikaden steigen oder wie die vielen Biobauern der Nation vorzeigen, dass es auch andere Wege in die Zukunft gäbe.

Alfred Grand ist einer von ihnen, und seine Methoden geben ihm recht: „Vor 35 Jahren haben wir aufgehört zu pflügen, um unsere Regenwürmer zu schonen.“ Denn die etwa 65 Arten von Regenwürmern, die es hierzulande gibt, durchlöchern den Boden, machen ihn locker und fruchtbar. Sie kleiden die bis zu vier Meter tiefen Gänge mit ihrem segensreichen, weil düngergesättigten Kot aus, damit diese nicht einbrechen, wenn der Regen kommt. Das ist nur ein Beispiel.
In Kooperation mit Wissenschaft und Universitäten wurde diese behutsame, doch professionelle Art, Nahrung auf gesunden Äckern zu produzieren, begleitet und analysiert. Je reichhaltiger das Bodenleben ist, desto besser kann eine Pflanze für sich selbst sorgen. Und es findet ein Nehmen und Geben statt, denn die Pflanzenwurzeln füttern gewissermaßen ihre Umgebung, sie pflegen ihre Helfer, die ihrerseits all die Stoffe aufschlüsseln, die den Boden fruchtbar machen. Wer sich darüber ausführlich kundig machen will, schlägt unter den Stichwörtern Rhizosphäre und Drilosphäre nach.