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"Muss ich jetzt Türkisch-Tanzen lernen?"

Ausl�nder, Islam, Mohammedaner, Religion, Kopftuch, Brunnenmarkt, Bekleidungsvorschrift Foto: Clemen
(c) (Fabry Clemens)
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DiePresse.com-Lokalaugenschein am Brunnenmarkt: Warum früher in Ottakring "alles besser" war, der Botschafter "Recht hat" - und sich "die Türken nie integrieren werden".

"Ich traue mich mit meinem Kind nach 21 Uhr nicht mehr auf die Straße. Vor 15 Jahren war alles besser." Zwischen Orangen und Weintrauben warnt der junge Familienpapa vor "Türken- und Balkanstraßen" in Ottakrings naher Zukunft und pocht darauf, dass "man sich anpasst, wenn man in ein anderes Land kommt": "Dann hat man auch keine Probleme." Der junge Mann heißt Ali P. - und er kommt aus der Türkei.

"Achtzig Prozent der Kundschaft sind Ausländer"

Ali P. führt den nach eigenen Angaben ältesten Stand auf dem berühmt-berüchtigen Brunnenmarkt, einem Multikulti-Ort im Herzen Ottakrings, der in nahezu jeder Integrationsdiskussion bemüht wird. Und das nicht ganz zu unrecht: Ein Kopftuchverbot würde den Brunnenmarkt in eine veritable Krise stürzen, an manchen Ständen wird kaum ein deutsches Wort gewechselt. "Achtzig Prozent der Kundschaft sind Ausländer", schätzt ein österreichischer Standbetreiber emotionslos.

Der Wirbel um das "Presse"-Interview des türkischen Botschafters hat den Brunnenmarkt nur bedingt erreicht. Muss er aber auch nicht, hier zählt die Lebenserfahrung. "Die werden sich nie integrieren", sagt ein Passant in gebrochenem Deutsch über die Türken. Was also tun? Der Bosnier Bozalija A. (57) antwortet mit einer abweisenden Handbewegung und einem geflüsterten "raus".

"Ich hab mich geschämt"

Integriert sich der Türke also schlechter als andere Einwanderer? Mehrere Studien legen das zumindest nahe. Der längstdienende Arbeiter auf dem Brunnenmarkt, Achmet Ö., darf als gelebtes Gegenbeispiel gelten. Im Jahr 1978 kam er "aus Anatolien" nach Österreich - ohne ein Wort Deutsch zu sprechen - und erlitt gleich einen kleinen Kulturschock: "Als sich die Leute in der Öffentlichkeit küssten, habe ich mich umgedreht und geschämt. Das durfte man in der Türkei nicht."

"Heute ist das für mich selbstverständlich", lacht der Arbeiter, der noch immer Kisten schleppt, dabei aber in fließendem Deutsch parliert und seinem Sohn immerhin ein Studium ermöglicht hat. "Heute arbeitet er in einer Bank", erzählt Achmet Ö. stolz. Sein Schlüssel zur Integration: "Bemühen." Nur die Jungen bereiten ihm Kopfzerbrechen, "weil es ihnen zu gut geht".

Achmed Ö.
Achmed Ö.Streihammer

"Ein bisschen Anpassen müssen sie sich halt"

In die gleiche Kerbe schlägt die Pensionistin Ingeborg Kobelkoff, während sie sich mit Naturkost eindeckt. "Österreich war schon immer ein Vielvölkerstaat und die Gastarbeiter fleißig." Die zweite und dritte Generation habe aber noch Aufholbedarf: "Ein bisschen anpassen müssen sich die halt schon", findet die frühere Chefsekretärin eines großen Konzerns.

Streihammer

Die junge Generation also. Standbetreiber Can A. ist mit zwei Jahren nach Österreich gekommen, besitzt die rot-weiß-rote Staatsbürgerschaft. Ob er sich als Österreicher oder als Türke fühlt? "Als Türke", antwortet der 21-Jährige reflexartig. "Kannst du deine Heimat tauschen? Das kann man nicht."

"Wir teilen den Frust des Botschafters"

Hunderte Meter weiter warten zwei junge türkisch-stämmige Studentinnen und Kopftuch-Trägerinnen auf die U-Bahn. Sie finden, dass der türkische Botschafter "Recht hat". Der "Frust" habe ihn zu seinen Worten getrieben - "und wir teilen ihn", schildern die Mädchen, die in der U-Bahn mit "hasserfüllten Blicken" zu kämpfen haben. Ihr Dilemma: "In Österreich fühlen wir uns als Türkinnen, in der Türkei als Österreicherinnen."

Die beiden in Österreich geborenen Studentinnen stellen sich auch hinter den Botschafter-Vorschlag, Türkisch als Schulsprache zu etablieren: "Man sollte zuerst die eigene Sprache können, dann lernt man auch eine zweite besser." Sie glauben, dass viele Bürger vor allem die türkische Mentalität nervt: "Wir sind halt lauter. Unbewusst. Auch beim Telefonieren in der U-Bahn."

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Zurück am Brunnenmarkt: Man nennt sie nur die "Chefin", seit vierzig Jahren betreibt sie ihren Gemüsestand. Keine ist länger im Geschäft. Zum Ausländer-Thema hat sich Christine B. in dieser Zeit dann auch eine pointierte Meinung zugelegt: "Der Türke wird sich nie integrieren, Frauen haben bei ihnen nichts zu melden. Wenn die an die Macht kommen, das wäre nicht gut." Moscheen würden sie bauen wollen, während "ich als Orthodoxe auch nur eine Kirche in Wien habe und das genügt mir auch".

Der Vorwurf des türkischen Botschafters, dass sich Österreicher nur im Urlaub für andere Kulturen interessieren, amüsiert die Standbetreiberin: "Soll ich jetzt zum Türkisch-Tanzen anfangen?"

Dann schlägt sie plötzlich einen ganz anderen Ton an: "Österreicher würden die harte Arbeit hier am Markt nicht mehr machen. Ich habe auch keinen Hass auf Ausländer, sie stören mich nicht. Eigentlich bin ich immer gut mit ihnen ausgekommen."

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