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Hört endlich damit auf, ständig für alles dankbar zu sein!

Der brasilianische Rennfahrer Hélio Castroneves küsste 2007 zum Dank für den Sieg seinen Boliden.Imago
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Der Dankbarkeits-Hype in sozialen Medien beruht auf einem Kategorienfehler: Echter Dank erfordert einen personalen Adressaten.

Nehmen wir an, eine Bekannte erklärt uns: „Gestern wäre ich fast von einem Dachziegel erschlagen worden. Ich bin dem Ziegel ja so dankbar, dass er mich verschont hat!“ Wir würden den Kopf schütteln, oder? Um Dingen dankbar zu sein, muss man sie beseelen. Das haben wir uns abgewöhnt, sieht man von rituellen Beschimpfungen defekter Geräte ab. Vielleicht sagt unsere Bekannte aber ja nur: „Ich bin so dankbar, dass ich unverletzt geblieben bin.“ Ein guter Anlass, sie zu fragen: „Dankst du dem lieben Gott? Bist du religiös?“ Wenn sie bejaht, wäre die Sachlage geklärt. Was aber, wenn sie verneint? Ich wäre dann ratlos. So wie mich auch der Dankbarkeits-Hype ratlos macht.

Auf sozialen Netzwerken grassiert die Bekundung von Dank, so ziel- wie zügellos. Es ist nun obligat, unter jedem Foto gefühlig zu sabbern: „Ich bin so dankbar, dass ich das erleben darf.“ Wem bitte danken diese posenden Poster? Den Umständen, dem Weltlauf, dem Fatum? Ominöse Instanzen, denen man keine Absicht unterstellen kann, schon gar nicht die, uns eine Wohltat erweisen zu wollen. Dankbarkeit ist, als geforderte Emotion, eine soziale Tugend, so wie Neid ein soziales Laster ist. Sie erfordert Personen, auf die ich mein Gefühl richte, und sei es ein persönlicher Gott. Sonst hängt der Dank in der Luft. Wie auch das „Erleben-Dürfen“: Dazu braucht es jemanden, der erlaubt oder verbietet.