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Culture Clash

Im Westen nichts Starkes

Wenn unser politisches Ideal der politisch korrekte Verwalter ist, der nett ist und nie flucht – wer beschützt uns dann vor den Putins dieser Welt?

Egon Friedell meint in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“, dass jeder „große Handelnde“ ein „im Leben steckengebliebener Dichter“ sei. Welches ist dann die Lebensdichtung Wladimir Putins, die er mit seinen Taten schreiben will? Klingt sie wie Iwan Iljin, der vor 68 Jahren verstorbene Theoretiker des russischen Autoritarismus, der die Idee befestigt hat, dass „der Russe“ zur Demokratie unfähig ist? Oder wurzelt er in der älteren Vorstellungswelt von Moskau als „Drittem Rom“ – Russland geeint unter dem Zaren und dem Patriarchen (in dieser Reihenfolge) als Erlöser der Welt vor Chaos und Unglaube? Ist es ein Epos von der Heimholung Kiews, der Wiege der russisch-orthodoxen Kirche und damit des Russischseins schlechthin? Oder das jahrhundertealte Soldatenlied, dass Russland im Westen nur mit dem Vorteil eines weiten Raums zu verteidigen ist?

Es ist reizvoll, Putins geistigen Hintergrund auszuloten. Ob es uns weiterführt, ist eine andere Frage. Der relevante Faktor der Person Putins scheint zu sein, dass er ein Gestalter ist. Der beunruhigende Faktor der Repräsentanten der westlichen Welt scheint hingegen zu sein, dass sie Verwalter sind. Generell sind in Staat die Verwalter angenehmer als die Gestalter – denn die Spielmasse, mit der gestaltet wird, ist das Geld, die Freiheit und letztlich das Leben anderer Menschen, meines zum Beispiel. Manchen Ländern geht es mit Verwaltern ausgesprochen gut – etwa die Schweiz, die seit Wilhelm Tell keinen Gestalter hervorgebracht hat (und der ist eine Fiktion).

Unser ganzes System ist auf Verwalter ausgerichtet. Aber als Gegengewicht zu Großmachtstrategen wie Wladimir Putin brauchen wir Gestalter. Aber auch anständige Gestalter brauchen ein Narrativ, das ihnen – wenn auch in Grenzen – Gestaltungsräume eröffnet. Die Konzentration auf den Wohlstand allein bietet das nicht, da müsste noch ein idealistisches Element dazukommen, ein, wenn man so will, Sendungsbewusstsein der Anständigkeit – das sich aber auch nicht darin erschöpfen darf, dem weißen Mann immer spitzfindigere Aufträge zum Schämen zu erteilen. Im Westen scheint es – außer vielleicht vorübergehend der Sorge um die Intensivstationen – kein gemeinsames, verbindendes Narrativ des Guten zu geben, in dessen Namen Opfer verlangt und gebracht werden. Das kann eine Zeit lang funktionieren. Wenn aber „steckengebliebene Dichter“ wie Putin am Horizont auftauchen und unsere Erwartungshaltung an Politiker vorrangig ist, dass sie nicht „Gsindel“ sagen und das Gendersternchen auslassen – dann haben wir ein Problem.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2022)