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Der ökonomische Blick

Verzerrte Wahrnehmung und notwendige Zuwanderung

Reuters
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Deutschland und andere europäische Länder haben ein demografisches Problem. Migration hilft dabei, die Herausforderungen zu meistern - wenn sie auf eine offene Gesellschaft trifft.

Die Corona-Pandemie hat viele Länder vor große Herausforderungen gestellt. In Deutschland und andernorts war das Gesundheitssystem an der Belastungsgrenze. Auch die Wirtschaft sah sich großen Einschnitten gegenüber. Staatliche Unterstützungen für Unternehmen, Beschäftigte und Selbständige beliefen sich auf Summen, die alles Bisherige überstiegen. Gleichzeitig rückten Schwachstellen stärker in das Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit, die bis dato nicht ausreichend adressiert worden waren. Der Rückstand bei der Digitalisierung und allgemein eine nicht immer leistungsfähige Infrastruktur sind bekannte Beispiele.

Dazu kommen Herausforderungen, die durch die Pandemie in den Hintergrund geraten sind, aber dafür in den nächsten Jahren umso entschlosseneres Handeln erfordern. Für die deutsche Bundesregierung, die seit Dezember im Amt ist, hat das Erreichen der Klimaschutzziele oberste Priorität. Dies soll durch einen Umbau der Wirtschaft hin zu einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft gelingen. Gleichzeitig steckt Deutschland mitten im demografischen Wandel. In den nächsten Jahren werden die geburtenstarken Kohorten der Babyboomer in Rente gehen, während die auf den Arbeitsmarkt nachrückenden Kohorten deutlich kleiner sind.   

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Was die Sache nicht leichter macht: Die Herausforderungen verstärken sich gegenseitig. Investitionen in Zukunftstechnologien kosten Geld. Die Corona-Pandemie hat die öffentlichen Kassen stark belastet; auch der finanzielle Spielraum für viele Unternehmen ist kleiner geworden. Die digitale und ökologische Transformation der Wirtschaft erfordert jedoch nicht nur ausreichende finanzielle Mittel. Genauso wichtig für das Gelingen sind die Erwerbstätigen, insbesondere die Fachkräfte, die den Umbau vorantreiben müssen. Demografiebedingt kommt es aber bereits jetzt in mehr und mehr Berufsgruppen zu Engpässen.   

Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Mit einer Bildungsinitiative und einer weiteren Erhöhung der Arbeitsproduktivität und der Erwerbsbeteiligung lässt sich der demografischen Entwicklung etwas entgegensetzen. Aber das wird nicht reichen. Aus diesem Grund sieht die neue Bundesregierung mehr Einwanderung von Arbeitskräften als einen weiteren entscheidenden Pfeiler an. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie in Kraft trat, hat durch den Wegfall der Vorrangprüfung für Fachkräfte mit qualifizierter Berufsausbildung eine wichtige Grundlage geschaffen. Zwei Punkte dürfen aber nicht übersehen werden. Zum einen stellt sich die Frage, wie attraktiv Deutschland für Zuwanderer ist. Das Migrationsgeschehen in Deutschland ist weiterhin vor allem durch Zuwanderung aus bzw. Abwanderung in andere europäische Länder gekennzeichnet (BAMF, 2022). Im Jahr 2020 kamen 69% aller Zuwanderer aus einem anderen europäischen Land nach Deutschland, davon 55% aus einem EU Staat. Die wirtschaftliche Erholung in Europa zeigt sich jedoch auch in diesen Ländern. So betrug die Arbeitslosenrate in der EU im Dezember 2021 nach Angaben des europäischen Statistikamtes nur noch 6,4%. Zudem altert die Bevölkerung dieser Länder ebenfalls, so dass sich mehr und mehr berufliche Möglichkeiten auf den heimischen Arbeitsmärkten ergeben werden. Das führt zum zweiten Punkt: Wie offen zeigt sich die Bevölkerung in Deutschland gegenüber Zuwanderern? Welche Vorbehalte liegen vor und wie kann man diesen begegnen? Das ist – neben den rechtlichen Rahmenbedingungen – für eine Integration der Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt und im sozialen Umfeld entscheidend und auch Voraussetzung für eine breite Unterstützung weiterer politischer Maßnahmen.

In mehreren Studien haben wir die Einstellungen gegenüber Zuwanderern in Deutschland untersucht (Bareinz, Übelmesser, 2020 und 2021). Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob Vorbehalte von unvollständigen Informationen herrühren und somit bessere Informationen zu einer positiveren und offeneren Sichtweise führen. Dafür haben wir 2020 und 2021 repräsentative Befragungen in Deutschland durchgeführt. Es zeigt sich, dass die Mehrheit den Anteil an Ausländern überschätzt und ihre Arbeitsmarktbeteiligung unterschätzt. Zudem schätzen die Befragten den Anteil der Zuwanderer aus Europa im Durchschnitt auf 22%, statt des tatsächlichen Anteils von 69%. Die Frage ist, ob Informationen zu einer Veränderung der Einstellungen führen.

Wer mehr weiß, unterstützt eher Zuwanderung

In der Tat zeigt sich, ähnlich wie in Studien von Grigorieff et al. (2020) und Haaland und Roth (2020) für die USA, dass die Gruppe an Befragten, die im Verlauf der Umfrage Informationen zur Zuwanderung erhält, ihre Sicht im Vergleich zu der Gruppe, die diese Informationen nicht erhält, ändert. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und die Belastung des Wohlfahrtsstaats werden als weniger stark empfunden. Zudem unterstützen Personen, die Informationen erhalten, stärker eine Erhöhung der Zuwanderung insgesamt. Interessant ist, dass die Corona-Pandemie und die erhöhte wirtschaftliche Unsicherheit, anders als man vielleicht hätte erwarten können, keine größeren Vorbehalte zur Folge zu haben scheinen, wie auch Drouhot et al. (2020) für Deutschland gefunden haben.

Mehr Zuwanderung wird für sich genommen nicht alle Herausforderungen beseitigen, aber sie kann einen Beitrag dazu leisten, die wirtschaftliche und demografische Transformation zu meistern. Voraussetzung ist jedoch, dass die Zuwanderer nicht auf Vorbehalte aufgrund von unvollständigen Informationen und verzerrten Wahrnehmungen, sondern auf eine offene Gesellschaft treffen.

Die Autorin

Silke Übelmesser ist Professorin für Finanzwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und Mitglied im Beirat des Stabilitätsrats. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit wirtschaftspolitischen Fragen zu Migration, Bildung und Demografie.   

Twitter: @SUbelmesser

Silke Übelmesser
Silke Übelmesser(c) Universität Jena (Anne Günther)

Quellen:

BAMF (2022): Migrationsbericht 2020, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg  https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Migrationsberichte/migrationsbericht-2020.html

Bareinz, Patrick und Silke Uebelmesser (2020): The Role of Information Provision for Attitudes Towards Immigration: An Experimental Investigation, CESifo Working Paper No. 8635, Munich.

Bareinz, Patrick und Silke Uebelmesser (2022): Biased Beliefs about Immigration and Economic Concerns, mimeo.

Drouhot, Lucas G., Sören Petermann, Karen Schönwäldler und Steven Vertovec (2020). „Has the Covid-19 pandemic undermined public support for a diverse society? Evidence from a natural experiment in Germany“. Ethnic Studies 44(5), 877-892.

Grigorieff, Alexis, Christopher Roth und Diego Ubfal (2020), “Does Information Change Attitudes Toward Immigrants?” Demography 57(3), 1117–1143.

Haaland, Ingar und Christopher Roth (2020): “Labor Market Concerns and Support for Immigration”, Journal of Public Economics 191, 104256.

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