Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wohnen im Turm: Die Wiener zieht es nach oben

In Wien werden immer mehr Wohnhochhäuser gebaut. Wer sind die Menschen, die dort einziehen? Und was hat die Stadt von dem Boom?

Natürlich ist es windig.“ Man müsse auf den Zug aufpassen und dürfe nie die Wohnungstür gleichzeitig mit der Balkontür öffnen, sagt Johanna Weberhofer. „Aber im Moment hält es sich im Rahmen.“

Weberhofer hat vergangenen Montag die Schlüssel zu ihrer neuen Wohnung abgeholt. Sie wohnt künftig im 18. Stock des gerade fertiggestellten Marina Towers in Wien Leopoldstadt. Die Stadt liegt ihr sprichwörtlich zu Füßen. Von ihrem westseitigen Balkon kann sie von der Alten Donau über den Kahlenberg bis in die Innenstadt blicken.

Dabei wäre es noch um einiges höher gegangen. 41 Stockwerke zählt der Marina Tower, der mit 140 Metern Höhe der derzeit höchste Wohnturm Wiens ist. Diesen Titel wird er aber abgeben müssen, wenn die Danubeflats 2024 fertiggestellt sind. Diese sollen im Endausbau 180 Meter hoch werden. Sie sind jedoch nicht die einzigen Wohnhochhäuser, die derzeit in Wien entstehen. Die 100 Meter hohen Triiiple-Türme am Donaukanal sind seit November bezugsfertig, gleich nebenan entstehen in Erdberg die drei „The Marks“-Türme (Helio- und Q-Tower sowie The One), im Nordbahnviertel sind gleich sechs Wohnhochhäuser geplant.

Das Wohnen im Hochhaus war einst noch eine günstige Alternative für die breite Masse, mittlerweile hat es aber einen Imagewandel erfahren. Die heute errichteten Wohntürme zählen zu den besten Adressen der Stadt. Die Höhe, der Ausblick, die Exklusivität – all dies ist zu einem Statussymbol geworden.

„Der Kauf war eine Bauchentscheidung. Es war in einer Sekunde klar: Das wird es sein“, sagt Weberhofer. Dabei habe es gar nicht an der Aussicht gelegen. Diese habe zum Kaufzeitpunkt ohnehin erst in der Theorie existiert. Ausschlaggebend für die 40-Jährige war die Lage. „Ich wollte im Grünen wohnen. Ich laufe sehr gern, und hier bin ich direkt an der Donau, in zehn Minuten zu Fuß im Prater.“ Erst als es darum ging, eine Wohnung auszusuchen, sei der Blick als Faktor hinzukommen. „Wenn schon in einen Turm einziehen, dann möglichst weit oben“, habe sich Weberhofer gedacht.


Luxus. An den Luxus im Marina Tower müsse sie sich erst gewöhnen, sagt sie. Der Marina Tower hat ein Concierge-Service, ein Kino, ein Fitnessstudio, eine Gästewohnung, Sharing-Angebote für E-Autos und E-Bikes, die alle zusätzlich von den Bewohnern gebucht werden können, sowie einen Kindergarten. „Ich glaube, dass es diese Extras braucht, man muss da schon etwas bieten“, sagt Peter Berchtold, Vertriebsleiter der Buwog, die den Marina Tower gebaut hat. Die Wohnungspreise rangieren zwischen 4500 Euro („aber da schaut man direkt in die U-Bahn“) und 15.000 Euro pro Quadratmeter. Für die Einpreisung habe man ein halbes Jahr getüftelt, erzählt Berchtold: Je höher, desto teurer natürlich, aber auch der Blick auf die Donau kostet extra. Wer sich dagegen an der gleich nebenan liegenden Südosttangente nicht stört, konnte Geld sparen. Das Konzept scheint aufgegangen zu sein: „Fast alle Wohnungen wurden vom Plan weg verkauft. Das ist sensationell“, sagt Berchtold.

Der Marina Tower ist Ende Jänner fertig geworden.Die Presse/Clemens Fabry

Den Trend zu Wohntürmen erklärt sich Berchtold mit den knappen Grundstücksressourcen in guten Lagen. „Wenn du wenig Platz hast, ergibt es Sinn, in die Höhe zu gehen. Wien ist da ohnehin spät dran. Aber der Markt nimmt es gern an.“

41 der 424 Eigentumswohnungen sind noch zu haben (dazu gibts es 87 Mietwohnungen), darunter drei der sechs Penthouses. Das teuerste ging für 4,9 Millionen Euro an seinen Besitzer. Trotz der stolzen Preise sagt Berchtold: „Es haben alle Gesellschaftsschichten und alle Altersgruppen gekauft“, der Großteil davon Österreicher, einige aus dem Ausland.

Gut situiert, aber einsam? Der Anteil an höher qualifizierten Bewohnern ist in Wohnhochhäusern überdurchschnittlich, wie eine Studie der Uni Wien 2014 herausfand. „Das hat sich seitdem nicht geändert“, sagt auch Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer. „Hier wohnen junge, urbane Singles oder Pärchen, und ältere, gut situierte Menschen ab 50 Jahren.“ Familien werden von den modernen Wohnhochhäusern eher wenig angesprochen. Für den Einzug oder Kauf spielten bei den in der Studie Befragten einerseits die repräsentative Wirkung (moderner Bau, Aussicht) und die Wohnung als langfristige Wertanlage eine Rolle, aber auch Zentrumsnähe, Wohnen im Grünen sowie Rückzug und Intimität waren zentrale Motive.

Das Wohnen in der Höhe kann jedoch negative Effekte auf das Wohlbefinden haben, sagt Ehmayer. „Beziehungen zu Nachbarn sind schlechter als in niedrigeren Häusern. Weil man alles mit dem Lift fährt und nicht wie sonst Leute im Stiegenhaus trifft.“ Hochhaus-Bewohner leben introvertierter und zurückgezogener. Gemeinschaftsräume würden dem nicht immer entgegenwirken, zumal sie meist nur mit Voranmeldung nutzbar sind. „Nur weil man es hat, funktioniert es noch nicht“, sagt Ehmayer.

Durch die Anonymität verringere sich außerdem das subjektive Sicherheitsgefühl. Ein Portier oder Concierge-Service könnten dem jedoch entgegenwirken. „Und es macht die Leute offener für Kontakt.“ Je weniger Anspannung, desto aufgeschlossener sei man, sagt Ehmayer.


Weitblick. Würde er alle seine Nachbarn kennen wollen, wäre er in Tirol geblieben, scherzt Christian Gawrilowicz. „Dort war man auch immer von Bergen umgehen. Vielleicht muss ich ja mit diesem Ausblick kompensieren“, sagt der 53-Jährige, während er vom Balkon seiner Wohnung im 19. Stock auf die Stadt hinunterblickt. Die Sicht vom Triiiple Tower 1, in dem Gawrilowicz seit November wohnt, ist tatsächlich atemberaubend. Rechts ragt der Stephansdom über die Dächer, links kann man den Türmen in Neu Marx beim Wachsen zusehen, geradeaus leuchtet der Schneeberg in der Abendsonne. „Ich bin ein absoluter Stadtmensch.“ Deswegen liebt Gawrilowicz den Blick, seine 72-Quadratmeter-Wohnung und die 20 Quadratmeter große Terrasse auch so. „Ich wäre gern noch höher hinauf gezogen“, doch dafür habe das Geld dann nicht gereicht, erzählt der Unternehmensberater.

Die größten Vorteile des Triiiple-Projekts seien die Lage und die öffentliche Anbindung sowohl an die Stadt als auch zum Flughafen. Und der direkte Zugang zum Donaukanal. „Ich träume davon, dass mich irgendwann ein Wassertaxi von der Innenstadt direkt nach Hause bringen kann“, so Gawrilowicz.

Triiiple Towers, Christian Gawrilowicz
Ausblick vom Triiiple TowerDie Presse/Jana Madzigon

Für den Zugang zum Kanalufer wurde die Erdberger Lände auf der gesamten Breitseite des Triiiple-Geländes überplattet. Das dient einerseits dem Lärmschutz, andererseits entsteht darauf eine weitgehend öffentlich zugängliche Grünfläche. Der Park ist ein Zugeständnis an die Stadt. Denn mit dem neuen „Fachkonzept Hochhäuser“ von 2014 müssen potenzielle Bauherren neben Verkehrsgutachten, Standort-, Wind- und Beschattungsanalysen auch den „Mehrwert für die Öffentlichkeit“ nachweisen. Erst dann kann eine Flächenwidmung geprüft werden.

Der öffentliche Mehrwert wird in einem sogenannten städtebaulichen Vertrag festgelegt: Beim Triiiple umfasste dies neben der A4-Überplattung eine bauliche Anbindung an die A4, Flächen für einen Kindergarten sowie einen 2,9 Millionen-Euro-Beitrag für die Erweiterung einer nahen Volksschule. Vom Wertgewinn, den die Liegenschaft durch die Umwidmung erfährt, soll so auch die Stadt profitieren.

Auch bei den Danubeflats haben die Investoren (hinter denen wie beim Triiiple die Soravia Group steht, diesmal zusammen mit der S+B-Gruppe) für öffentliche und soziale Infrastruktur zu sorgen. So werden der Vorplatz der U1-Station Donauinsel und der Uferbereich neu gestaltet, ein Kindergarten im Gebäude gebaut und eine Schule mitfinanziert. Zudem sollten 40 Sozialwohnungen errichtet werden, die auf zehn Jahre von Hilfseinrichtungen genutzt werden können. Insgesamt macht das mit der Stadt ausverhandelte Paket zehn Millionen Euro aus. Viel zu billig, kritisieren manche, denn der Wertgewinn dürfte mindestens das Zehnfache betragen. Doch wie viel Prozent des Wertzuwachses die Stadt für öffentliche Infrastrukturprojekte erhalten muss, ist nicht festgeschrieben.


Kein Geschenk. „Hergeschenkt wird sicher nichts“, sagt dazu ein Sprecher von Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál. Auch Investoren würden kritisieren, dass diese Verträge „zu teuer“ seien. Als Stadt wolle man natürlich dafür sorgen, dass auch im privaten Wohnbau „möglichst viel für die Allgemeinheit herausgeholt wird“.

Der Zunahme der Wohnhochhäuser steht die Stadt neutral gegenüber. Man beobachte das Phänomen, ein allgemeiner Trend lasse sich daraus aber noch nicht ableiten. „Die meisten zieht es immer noch ins Grüne und an den Stadtrand.“

Dass viele Wohnungen vor allem im Luxussegment als Anlagen oder Spekulationsobjekte gekauft werden, wird im Büro von Gaál ambivalent gesehen. Einerseits gehe es dabei meist nicht um den der Stadt so wichtigen leistbaren Wohnraum, der jemand anderem weggenommen wird. Andererseits „wollen wir auch im privaten Wohnbau darauf einwirken, dass der Wohnraum genutzt wird“, so der Sprecher. Stadträtin Gaál hatte gemeinsam mit Finanzstadtrat Peter Hanke erst im November von der Bundesregierung eine Leerstandsabgabe für nicht vermietete Wohnungen gefordert, dies aber wenig später wieder zurückgenommen. Man wolle eine „Leerstandsmobilisierung“, sagt ihr Sprecher, hier sei jedoch der Bund gefordert.

Mario R., der lieber anonym bleiben will, wollte zwei Wohnungen in den Danubeflats kaufen. Als Spekulation, wie er erzählt. Doch seit er in den 28. Stock des Triiiple Tower gezogen ist, hat er Bedenken. „Wenn man eine siebenstellige Summe zahlt, hat man eine gewisse Erwartungshaltung. Aber es war nichts wie im Hochglanzprospekt.“ Gut, der Ausblick über den Prater bis nach Bratislava „kann schon was“, insgesamt habe ihm das verkehrsgünstig liegende Projekt mehr zugesagt als die Wohnungen in Döbling, die er zunächst im Auge hatte.

Doch bei der Schlüsselübergabe habe er 35 Seiten an Mängeln beanstanden müssen: Risse in den Wänden oder schlecht schließende Türen zum Beispiel. Vielen anderen Eigentümern gehe es ähnlich, wie er aus einer Facebook-Gruppe weiß. „Dass so viele Fehler passieren, muss an der kurzen Bauzeit liegen.“

Am meisten empören ihn jedoch die hohen Energiekosten. Das Kühl- und Heizsystem der Triiiple-Gebäude verwendet Donaukanal-Wasser als Energiespender. Das soll besonders ökologisch sein und dabei nicht mehr kosten als die Fernwärme Wien.

Stimmt nicht, sagt R., auf der ersten Vorschreibung wurde ein zwei- bis dreifach höherer Betrag verlangt. Zudem sei man informiert worden, dass der Energielieferant nicht mehr gewechselt werden könne. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nicht gekauft“, sagt R. Projektentwickler Soravia gab gegenüber der „Presse am Sonntag“ keine Stellungnahme ab.

WIENS TÜRME

Zuwachs. Ab 35 Metern gilt ein Gebäude in Wien als Hochhaus, davon gibt es in Wien etwa 150. Häuser über 70 Meter gibt es derzeit 51, rund 20 weitere sind im Bau oder geplant.

Fachkonzept Hochhäuser. Die Stadt Wien hat festgelegt, wo Hochhäuser entstehen dürfen und wo Schutzzonen bestehen. Bauträger müssen neben Wind- oder Standortanalysen auch einen „Mehrwert für die Öffentlichkeit“ nachweisen.