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Philosoph Ernst von Glasersfeld gestorben

Philosoph Ernst Glasersfeld 93jaehrig
(c) Michaela Bruckberger
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Der Mitbegründer des Radikalen Konstruktivismus ist 93-jährig gestorben. Glasersfelds These: Wahrnehmungen bilden die Wirklichkeit nicht ab, jedes Gehirn konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit.

Der österreichisch-amerikanische Philosoph und Mitbegründer des radikalen Konstruktivismus, Ernst von Glasersfeld, ist am Freitag in seiner Wahlheimat im US-amerikanischen Bundesstaat Massachusetts 93-jährig gestorben. Das teilte der Klagenfurter Philosophieprofessor Josef Mitterer am Nachmittag mit. Glasersfeld hatte an Pankreaskrebs gelitten. Er war seit 1974 amerikanischer Staatsbürger, Mitterer wird seinen Nachlass verwalten.

Glasersfeld gilt mit seinem Freund Heinz von Foerster als Mitbegründer des "Radikalen Konstruktivismus".

Jedes Gehirn konstruiert eigene Wirklichkeit

Der Sohn eines k.und k. Diplomaten und einer Münchner Schirennläuferin, hat alte Zweifel (bekannt schon von den Vorsokratikern, Hume oder Kant) neu formuliert und radikalisiert. Demnach bilden Wahrnehmungen und Vorstellungen die Wirklichkeit nicht ab, jedes Gehirn konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit. Und diese kann nie auf ihre Übereinstimmung mit einer objektiven Realität geprüft werden, bestenfalls auf ihre „Brauchbarkeit" - ihre „Viabilität", wie Glasersfeld es nannte. Sie kann auch nicht mit der Wirklichkeit anderer in Deckung gebracht, nur angenähert werden.

"Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben", sagte Glasersfeld einmal.

Seine Arbeiten haben unter anderem in den Kognitionswissenschaften, in der Managementlehre und Ökonomie, in den Literatur- und Medienwissenschaften, in der Mathematikdidaktik und in der Philosophie Spuren hinterlassen.

Dreisprachig aufgewachsen

Glasersfeld wurde am 8. März 1917 in München geboren und hatte zunächst die Staatsbürgerschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Wissenschafter verbrachte seine Kindheit in Meran, wuchs dreisprachig auf (Deutsch, Englisch, Italienisch) und lernte im Internat in der Schweiz Französisch als vierte Sprache.

Seine akademische Laufbahn begann mit dem Studium der Mathematik an der ETH Zürich und setzte sich - aus Geldnot - an der Universität Wien fort. Doch nach kurzer Zeit wich Glasersfeld 1937 der antisemitischen Stimmung und der Präsenz der Nazis an der Hochschule und verließ Österreich.

Bauer in Irland

Nach einem kurzen Aufenthalt in Australien als Skilehrer und kurzfristig in Paris emigrierte Glasersfeld nach Irland. Dort lebte er als Bauer und traf unter anderem auf Erwin Schrödinger und James Joyce. Als Kulturjournalist kehrte er nach dem Krieg nach Südtirol zurück und bot erste konstruktivistische Reflexionen. Er arbeitete für den "Standpunkt" in Bozen und die "Weltwoche".

1959 wurde er Mitarbeiter von Silvio Ceccato, Gründer des Zentrums für Kybernetik der Universität Mailand, und arbeitet zunächst in Italien und dann in den USA. Aus seinen Arbeiten zog Glasersfeld unter anderem den Schluss, dass "jede Sprache eine andere begriffliche Welt bedeutet".

Sprache für Kommunikationsversuche mit Schimpansen

Danach folgte der Wissenschafter einem Ruf als Professor für Kognitive Psychologie an die University Georgia in Athens. Seine Beiträge zur Primatenforschung machten ihn berühmt. Als Professor für Kognitive Psychologie entwickelt er mit Computerkollegen "Yerkish", eine erste Sprache für Kommunikationsversuche mit Schimpansen.

Seit seiner Emeritierung 1987 war Glasersfeld am Scientific Reasoning Research Institute der University of Massachusetts (USA) tätig. Neben Ehrendoktoraten von der Universität Klagenfurt und der Universite Du Quebec in Montreal hat Glasersfeld Auszeichnungen von Universitäten und wissenschaftlichen Vereinigungen in den USA, Kanada, Belgien und Deutschland erhalten.

"Sich selbst nicht ernst nehmen"

Auf den Tag genau vor einem Jahr hat Ernst von Glasersfeld die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold erhalten. Er erklärte zu diesem Anlass: "Für jemanden, der sein Leben lang versucht hat, sich selbst nicht ernst zu nehmen, ist eine solche Auszeichnung ein völlig erschütternder Schock."

Werke

Eine Doppelbiografie von Glasersfeld und Foerster erschien 1999 unter dem Titel "Wie wir uns erfinden".

Weitere deutschsprachige Werke umfassen:
- "Wissen, Sprache und Wirklichkeit" (1987)
- "Über Grenzen des Begreifens" (1996)
- "Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme" (1997)
- "Radikaler Konstruktivismus - Versuch einer Wissenstheorie" (2005)
- "Unverbindliche Erinnerungen: Skizzen aus einem fernen Leben" (2008)

(APA/Red.)