Die kasachische Klassenzimmer-Show

kasachische KlassenzimmerShow
kasachische KlassenzimmerShow(c) AP (ITAR TASS)
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In dem zentralasiatischen Steppenstaat sprechen nur 60 Prozent der Einwohner die offizielle Landessprache Kasachisch. Nicht genug, findet die Regierung, und greift zu ungewöhnlichen Methoden des Sprachunterrichts.

[Astana/Wien]In den Tagen der russophilen Sowjetunion galt Kasachisch als „Nomadensprache“ und hatte kein besonders gutes Ansehen. Wie in anderen Sowjetrepubliken sprach man auch im zentralasiatischen Steppenstaat Kasachstan im öffentlichen Leben Russisch. Nur im privaten Kreis wechselten die Menschen ins Kasachische.

Heute, knapp 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, sprechen nur 60 Prozent der 16 Millionen Kasachen ihre „Muttersprache“ – auch wenn sie nunmehr die alleinige Staatssprache ist. 9,6 Millionen Sprecher sind aber zu viel wenig, befinden die kasachischen Behörden: Bis 2020 sollen es 95 Prozent sein, so lautet das ambitionierte Ziel. Neben dem herkömmlichen Kasachischunterricht für Schulkinder spannt die Regierung auch die Unterhaltungsindustrie zur Verbreitung der Landessprache ein: Der staatliche Kanal „Khabar TV“ sendet eine Reality-Show mit patriotischem Auftrag: Sie soll Kasachisch populärer machen.

Auf der Schulbank im Fernsehen

Zufall ist das wohl keiner: Dariga Nazarbajewa, älteste Tochter von Präsident Nursultan Nazarbajew, leitet den Kanal, der „Wie ist Ihr Kasachisch?“ (so der Titel der Show) produziert. Khabar TV, das auf Kasachisch und Russisch sendet, wolle dem Publikum eine lehrreiche und unterhaltsame Sendung präsentieren, erklärt Produzent Arman Karabajew. Das Szenario: Sechs bis acht Kandidaten lernen drei bis vier Monate lang gemeinsam als „Schulklasse“. „Wir haben weniger gute und sehr gute Schüler“, so Karabajew. Abgerundet wird die Sendung mit Informationen über Küche und Brauchtum.

Ob der volksnahe Sprachkurs die Verbreitung des Russischen eindämmen kann, ist indes fraglich. Vor allem in Städten und im Norden des Landes hat Russisch bis heute seinen mächtigen Einfluss erhalten. Und das nicht ohne Grund: Noch immer erscheinen ungleich mehr Bücher und Zeitschriften in der slawischen Sprache; russischsprachige Popmusik ist bei der Jugend beliebt. Nicht zuletzt gilt das Idiom der einstigen Kolonialherren als Garant für sozialen Aufstieg.

Wer im kasachischen Staatswesen etwas werden will, benötigt allerdings heute sehr wohl die Kenntnis der Landessprache. Damit man in den öffentlichen Dienst aufgenommen wird, der vielen Uni-Absolventen als sichere und gute Einkommensquelle gilt, muss man einen Sprachtest bestehen. Auf Kasachisch, natürlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2010)

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