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Lady Gaga auf „Monster Tour“ in Wien

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Lady Gaga bdquoMonster Tourldquo(c) EPA (HERBERT P. OCZERET)
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Die New Yorker Sängerin zeigte in der Stadthalle ihre effektreiche und sinnarme Show: anachronistisches Großraumdisco-Futter, schwer belastet mit bombastischen Keyboards, zu mutlos sogar, um wirklich trashy zu sein.

Am Anfang war ein Koordinatensystem und ein Countdown, dann kam Lady Gagas Bild, dann ihr Schatten, dann sie selbst. „I'm a freak“, sang sie.

Am Ende erlegte Lady Gaga ein Tintenfischmonster mit aus ihrem BH schießenden Feuerstrahlen. „We're plastic, but we still have fun“, sang sie. Zugabe: Pyjamaparty mit silbernen Helmen und Knieschützern. „I'm a free bitch“, sang sie.

Dazwischen lag eine Show, die extrem kurzweilig und gerade deshalb ziemlich langweilig war: eine Pop-Revue gewohnten Musters mit viel Tanz und Videos, Masken und Accessoires, Nebel und Feuer, Leder und Ketten. Das erste Drittel („City“) spielte in einer Mischung aus Einkaufszentrum und Vergnügungspark, das zweite Drittel („Subway“) in einem und um einen U-Bahn-Waggon, das dritte („Forest“) in einem Wald, der aussah wie in einer mittelstädtischen „Freischütz“-Inszenierung aus den Achtzigern.

Ja, ja, jeder ist ein Superstar

An allen diesen Orten rief Lady Gaga, meist flankiert von devoten Tänzern, Österreich zum „Monster Ball“ auf: Dieser, schrie sie, zeichne sich vor allem dadurch aus, dass jeder sein kann, was er sein will. Sie wolle, dass sich jeder und jede selbst fühle. Denn jeder und jede sei ein Superstar. Nach ihrer Show werde man nicht sie mehr lieben als zuvor, sondern sich selbst. Überhaupt: Niemand möge sich schlecht fühlen! „Vielen Dank, dass ihr an mich glaubt!“ „Vienna!!“ „Österreich!!!“

Und so weiter und so fort. Jetzt kann es ja sein, dass die 24-jährige New Yorkerin Stefani Germanotta, die sich seit 2008 Lady Gaga nennt und sich auf ihrem Album explizit bei Andy Warhol, David Bowie, Prince, Madonna und Chanel bedankt, ihr Konglomerat an sinnentleerten Popkonzert-Parolen als Parodie versteht. Als Teil eines Gesamtkunstwerks meinetwegen. Es nervt trotzdem. Die Überhöhung funktioniert nicht. Es reicht auch nicht, „Fame“ von David Bowie und „Material Girl“ von Madonna gehört sowie den 15-Minuten-Spruch von Andy Warhol gelesen zu haben, um einen Song namens „The Fame“ zu schreiben, der mehr als bemüht ist. So einfach wird aus Meta-Pop kein guter Pop. Auch zitieren muss man können.

Vor allem auch, weil Lady Gagas Musik zu stumpf und zu banal ist: anachronistisches Großraumdisco-Futter, schwer belastet mit bombastischen Keyboards, zu mutlos sogar, um wirklich trashy zu sein. Ein neu präsentierter Song namens „You And I“ lässt übrigens vermuten, dass ihre Ambitionen in Richtung Hardrock-Kitsch gehen. Dazu passt auch ihr Live-Gitarrist, der aussieht wie aus den finstersten Siebzigerjahren und gnadenlose Angebersoli spielt. Weibliches Gegenstück: eine Harfenistin im Engelslook.

Ohne Begleitung, aber mit Kapitänsmütze, setzte sich Lady Gaga ans feierlich lodernde Klavier, um das schmalzige „Speechless“ zu zelebrieren. „Ich singe live und schreibe meine Lieder selbst“, beteuerte sie – und beichtete einen Casino-Besuch: „Ich habe die ganze Nacht Black Jack gespielt!“ Ergänzend erfuhr man, dass sie vor der Show das Fitnesscenter in der Lugner-City besucht hat. Auch das passt.

Muss man über Lady Gagas Kostüme berichten? Muss man darüber nachdenken, warum sie ihr infantil-pornografisches „Love Game“ mit roten Kreuzen auf den Brüsten sang? Warum sie zu „Monster“ eine Ganzkörperperücke trug? Warum sie ihre Jesus-liebt-(nicht)-alle-Sprüche mit blutverschmierter Haut losließ? Warum sie einem Stofftier den Kopf abbiss? Egal. Diese Revue erzählt keine Geschichte, sie erzählt gar nichts. Die Botschaft ist: Es gibt keine Botschaft.

Das hat uns also Zen-Meisterin Lady Gaga gesagt. Okay, kapiert, wir waren im Pop-Nirwana. Aber muss es dort wirklich ausschauen und klingen wie im Wurstelprater?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2010)

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