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Millionenstadt Istanbul: Ein Meer von innertürkischen Ghettos

Getrennt nach Lebensstil und Herkunft: Die Bosporus-Metropole ist ein extremes Beispiel für „monokulturelle“ Wohnviertel.

[Istanbul/Keet]Die Türkei ist ein durch und durch gastfreundliches Land. Bei Umfragen, ob man auch neben Christen, Juden oder gar Atheisten wohnen möchte, antworten aber viele mit Nein. Nicht anders ergeht es der muslimischen Minderheit der Alewiten. Manche religiöse Türken würden sich von einem Alewiten nicht einmal zum Tee einladen lassen – weil der Tee im Haus eines Alewiten unrein sei.

Wenn der türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan den Österreichern vorwirft, sie würden eine Ghettobildung bei türkischen Zuwanderern fördern, so müsste er diese Ghettobildung aus seiner Heimat Istanbul kennen. Die Bosporus-Metropole ist geradezu ein Meer von innertürkischen Ghettos.

In Çarşamba, einem Viertel im Herzen der historischen Altstadt, wohnt wohl keine Frau, die nicht ein Kopftuch trägt. Viele verhüllen sich hier sogar mit einem schwarzen Tuch, das vom Gesicht nur eine kleine Insel rund um Augen und Nase frei lässt. Nie würde eine Frau hier eines der klassischen Teehäuser betreten.

Im modernen Viertel Nişantaşi hingegen trägt höchstens die Frau des Hausmeisters ein Kopftuch. Die Kleider haben tiefe Ausschnitte, das Haar wird stolz gezeigt. Frauen bevölkern die vielen Cafés.

Religiöser und westlicher Lebensstil sind in der Türkei nicht vermischt, sondern werden nach Möglichkeit getrennt gelebt. Neben der Trennung nach Lebensstil gibt es noch eine zweite nach der Herkunft: Es gibt Viertel, in denen fast nur Zuwanderer aus der Schwarzmeerregion wohnen und Stadtteile, in denen nur Leute aus dem Osten, also Kurden oder Araber, leben. Roma haben ohnehin ihre eigenen Viertel. Das älteste Roma-Viertel Istanbuls ist Sulukule.

Gleich hinter der römischen Stadtmauer wohnten bereits Roma, als noch die byzantinischen Kaiser die Levante und Anatolien beherrschten. Sie blieben ein Jahrtausend unter sich, bis zum Abriss von Sulukule, der gerade trotz heftiger Proteste der Bewohner im Gang ist.

 

„Aber diese Kurden!“

Zwischen dem Vergnügungsviertel Beyoğlu und dem heute etwas herausgeputzten Stadtteil Kasimpaşa, in dem Premier Recep Tayyip Erdoğan aufwuchs, liegt am Hang Tarlabaşi. Es besteht aus steilen Gassen, durch die sich Autos und Handkarren quälen. Die Häuser mit ihren traditionellen Erkern sind schön, aber verwahrlost. Ein Bäcker in diesem Viertel begann einmal, während er auf einem Tablett Teegläser, viel Zucker, Ayran und duftendes, warmes Gebäck brachte, ungefragt zu erzählen: „Das waren Zeiten, als hier noch Griechen wohnten, das waren gute Nachbarn!“ Der Hintergrund dieser überraschenden Einleitung klärte sich rasch, als der Bäcker die Hand zu einer verächtlichen Bewegung hob und mit einem Blick zur Seite fortfuhr: „Aber diese Kurden!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2010)