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Türkische Migranten: "Zu 80 Prozent hat Tezcan recht"

(c) Michaela Bruckberger
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Viele in der türkischen Community stimmen dem Botschafter zu. Vor allem, dass es Türken schwer gemacht wird, sich zu integrieren. Als größtes Integrationshindernis nennen sie die "Kronen Zeitung".

Atatürk blickt ernst, aber gütig in Richtung Pizzateig. Eine große Küche, geschnittene Tomaten, geriebener Käse, ein heißer Steinofen. Rechts oben, auf der knallrot gestrichenen Wand, hängt ein Bild des türkischen Staatsgründers. Daneben ein Bild von Heinz Fischer. Vor der Wand steht Ünzile Capkin. Eingehüllt in eine Mehlwolke knetet sie den Pizzateig und unterhält sich lautstark mit ihrem Mann. „Zu 80 Prozent“, schreit Bayram Capkin aus dem angrenzenden Minisupermarkt in Richtung Pizzaküche, „zu 80 Prozent hat Tezcan recht. Unterschreibe ich!“

Kadri Ecvet Tezcan ist der türkische Botschafter in Wien. Mit seinem Interview, das er diese Woche der „Presse“ gegeben hat, hat er nicht nur für eine diplomatische Krise gesorgt, sondern auch ein Erdbeben innerhalb der türkischen Community ausgelöst. „Er hat recht“, lautet vielerorts der Tenor. Vor allem seiner Aussage, dass Türken „nicht wie ein Virus behandelt werden“ wollen, scheinen viele zuzustimmen.

„Okay“, sagt Herr Capkin, während er, mit Flaschen in der Hand, kurz in die Pizzaküche lugt, „er hat sich im Ton vergriffen.“ Aber die Ansicht des Botschafters, dass es Türken schwer haben, sich in die Gesellschaft zu integrieren, teilt Bayram Capkin. Dabei ist er selbst ein gelungenes Integrationsbeispiel. In Österreich aufgewachsen, Betreiber des Imbiss- und Lebensmittelladens „Food Corner“, lupenreines Wienerisch, die Tochter studiert, der Sohn ist in einer Handelsakademie. Und dann kommen die Kunden zu ihm und sagen, dass sie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache unterstützen, aber er solle das nicht persönlich nehmen. „Was soll ich dann tun?“, fragt Capkin. „Ihnen den Marillenkuchen umsonst anbieten? Schlagobers?“

Die „anderen“ Türken. Ein Rundruf in der türkischen Community bestätigt Herrn Capkins Beobachtung. Viele türkische Migranten fühlen sich nicht akzeptiert in der Mehrheitsgesellschaft. Das führt letztlich dazu, dass sie in Umfragen, in denen sie mit anderen Migranten verglichen werden, negativ aus der Reihe tanzen.

Laut einer aktuellen Erhebung des Marktforschungsinstituts GfK fühlen sich 70 Prozent der befragten Türken eher ihrem Heimatland verbunden als Österreich. Bei den Einwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien ist es umgekehrt. Hier fühlen sich rund 63 Prozent Österreich zugehörig. Capkins Theorie dazu: Viele Österreicher haben nicht verstanden, dass die Migranten hier angekommen sind. „Ich lebe hier. Wenn mir etwas passiert, rufe ich nicht in Istanbul die Rettung an.“

Das „Food Corner“ der Capkins ist so etwas wie ein Zentrum am Friedrich-Engels-Platz, ein Gemeindebaukomplex in der Brigittenau. Kleine Bistrotische, an den Wänden hängen Andenken aus der Türkei und im Fernseher kickt Besiktas gegen Gaziantepspor. Für die Nachbarn ist die Pizza oft nur ein Vorwand, um herzukommen. Man unterhält sich; aktuell etwa über die siebenköpfige türkische Familie, die erst kürzlich in die 130 Quadratmeter große Wohnung im dritten Stock eingezogen ist. „Sie sprechen kein Deutsch, schicken ihre Kinder nicht in die Schule und wollen nicht arbeiten“, sagt Ünzile Capkin, „aber ich bin seit 20 Jahren hier und ich habe 20 Jahre gearbeitet.“

Auch die türkische Community ist nicht homogen, will Ünzile Capkin damit sagen. Aber die „Anderen“, wie sie sie definiert, stellen hierzulande die Mehrheit. Vergangenes Jahr haben 68 Prozent der türkischen Schüler ihre Schulkarriere mit Absolvieren der Schulpflicht beendet. Nur 1,8 Prozent aller Schüler in den AHS sind türkische Migranten, während es in den Sonderschulen 10,1 Prozent sind. Türken sind doppelt so oft von Arbeitslosigkeit betroffen wie Inländer. Vor allem in Sachen Bildung muss in der Community noch viel passieren, da sind sich Politiker, Experten und auch der türkische Botschafter einig. Für den Migrationsexperten Heinz Fassmann ist dieser Hinweis allerdings einer der wenigen Punkte im Interview mit dem Botschafter, dem er etwas abgewinnen kann. Die meisten seiner Aussagen seien „der Sache nicht dienlich“ gewesen, sagt Fassmann; eben der Sache mit der Integration.

Keine Vertretung. Eren Kilic ist eine andere Aussage des Botschafters sauer aufgestoßen. Tezcan hat im Interview gemeint, er sei der Botschafter von 250.000 Türken im Land. Auch wenn so viele Menschen in Österreich einen türkischen Migrationshintergrund haben – Tezcan vertritt im Grunde genommen rund 112.000 Türken. Die anderen haben einen österreichischen Pass. Kilic auch.

Der 35-Jährige lebt seit 17 Jahren hier. Selbst als er noch auf dam Papier Türke war, hat er sich mit der türkischen Botschaft nicht identifizieren können – Eren Kilic ist Kurde. Die Türkei – und damit die diplomatischen Vertretungen im Ausland – würden sich viel zu wenig um die ethnischen Minderheiten im Land bemühen. Das hänge auch damit zusammen, dass in der Türkei das „Türkentum“ gepflegt werde. Die Folge ist ein starkes, nationalstaatliches Gefühl, das auch in den hiesigen Umfragen reflektiert wird – siehe GfK-Studie.

Nationalstaatliche Reflexe haben die Aussagen des Botschafters aber auch bei den Österreichern hervorgerufen, sagt Migrationsexperte Fassmann. Im Sinne von: „Wir definieren selbst, was gut ist und was schlecht – und lassen nicht zu, dass unsere Politiker angegriffen werden.“

Kilic sitzt im Büro in seinem Weiterbildungsinstitut „bilcom“ in Favoriten und blickt auf den Viktor-Adler-Markt. An den Gemüseständen stehen türkische Frauen, die ihre Einkäufe erledigen. Deutsch können wohl die wenigsten von ihnen. Laut einer weiteren Studie von GfK verfügen nur fünf Prozent der türkischen Hausfrauen über gute Deutschkenntnisse.

Einige von ihnen besuchen die Sprachkurse von Kilic. Seit rund acht Jahren gibt er Kurse, mittlerweile hat er 200 Schüler. Eine Matura auf Türkisch, wie sich das Botschafter Tezcan gewünscht hat, würde er begrüßen – allerdings nur dann, wenn die Schüler auch sehr gut Deutsch sprechen. Dennoch: „Wie kann sich der Botschafter für eine Türkisch-Matura in Österreich einsetzen, wenn in seiner Heimat nicht einmal auf kurdisch maturiert werden darf?“, fragt er. „Das ist doch peinlich.“ In den anderen Punkten stimmt auch Kilic mit dem Botschafter überein, wobei auch er den scharfen Tonfall kritisiert.

Für den Traktor nach Österreich. „Mein Vater ist 1975 nach Österreich gekommen“, erzählt Murat Acar. „Papa wollte sich einen Traktor kaufen.“ Murat und seine Frau Serap haben sich im „Food Corner“ eine Pizza bestellt. Schnell kommt das Quintett wieder auf das Thema Integration zu sprechen. „Wir, die hier geboren sind, sind auch eine eigene Spezies“, sagt Murat Acar. In der Türkei ist man Österreicher und in Österreich ist man Türke. Dabei fühlt sich das junge Paar integriert: Er, 26, ist Bankangestellter; sie, 25, ist Controllerin. Serap geht zum Bergsteigen nach Vorarlberg und erzählt Murat anschließend, dass man die Vorarlberger einfach nicht versteht. Dennoch sei ihre Herkunft im Alltag viel zu oft ein Thema.

Und warum? Was verhindert die Integration in diesem Land? Die Antwort im „Food Corner“ fällt einstimmig aus: „Die Kronen Zeitung.“ Denn die auflagenstärkste Zeitung würde viel zu oft stereotypisieren und pauschal verurteilen. „Ich frage ja auch nicht die Österreicher: ,Und? Wie viele Kinder hältst du im Keller gefangen?‘“, sagt Serap Acar.

Dass türkische Migranten nicht nur die Straßen putzen, sondern auch Akademiker und Ärzte sind, werde in der Öffentlichkeit viel zu selten thematisiert. In dieser Hinsicht sind die Acars mit dem Botschafter einer Meinung – wie in vielen anderen Punkten auch. Etwa, dass Integrationsfragen nicht im Innenministerium abgehandelt werden sollen, wie Murat Acar meint. Andererseits ärgert sich das Paar auch über die eigene Community. Viel zu wenige würden sich die Mühe geben, Deutsch zu lernen. Murat erzählt von seiner Hauptschulklasse, in der kein einziger Österreicher war. So war Deutsch lernen mühsam. Die Integrationsproblematik – hier sind sich alle einig – lässt sich nicht von heute auf morgen lösen. Zumindest sei man mit dem Fokus auf Spracherwerb auf dem richtigen Weg, meint Fassmann. Die Arbeitsmarktintegration sei der nächste Schritt.

Den Traktor hat sich Vater Acar übrigens nie gekauft. Zum Glück für Murat. Er ist zufrieden in Österreich, sagt er, bezahlt seine Pizza und verlässt gemeinsam mit seiner Frau den Raum mit Atatürk.

Die Worte des Botschafters

Anerkennung und Kritik. Viele Türken in Österreich stimmen den meisten Aussagen von Botschafter Tezcan zu. Sie bestätigen die Einschätzung, dass es Türken besonders schwer gemacht wird, sich zu integrieren. Allerdings missfällt auch türkischen Migranten der Tonfall des Botschafters. Als Diplomat hätte er sich vorsichtiger ausdrücken müssen, so der Tenor. Die Community übt sich auch in Selbstkritik – viel zu wenige würden Deutsch sprechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2010)