Billigsdorfer goes New York

(c) AP (Mark Lennihan)
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Diskontmärkte waren New York lange Zeit völlig fremd. Dann kam die Wirtschaftskrise. Jetzt expandiert die Aldi-Tochter Trader Joe's kräftig in der US-Metropole. Gigant Wal-Mart zieht es ebenfalls dorthin.

Die große schwarze Tafel blockiert einen guten Teil des breiten Gehsteigs: „Mehr als 200 Weine für weniger als sieben Dollar“, ist in dicken Lettern zu lesen. Darunter zeigt ein dicker Pfeil in Richtung Eingang des Diskontmarktes Trader Joe's. In dem Geschäft, im Zentrum Manhattans, tummeln sich bereits frühmorgens hunderte Leute. Alle 18 Kassen sind besetzt und die 50 Meter lange Warteschlange zieht sich durch die schmalen Gänge des Ladens.

Die Klientel ist bunt gemischt, eines haben die Trader-Joe's-Kunden gemeinsam: Die Wirtschaftskrise brachte sie auf den Geschmack des Günstigen.

Tatsächlich waren Diskontsupermärkte den New Yorkern bis vor Kurzem völlig fremd. Etablierte Nobelketten wie „Wholefoods“ oder „Garden of Eden“ prägen das Stadtbild. Dort bemüht sich eine Schar von Mitarbeitern um gutes Service, ein stets blitzblank geputzter Laden ist zumeist eine Selbstverständlichkeit. Entsprechend hoch sind die Preise, ein halbes Kilo Erdbeeren kostet fünf Dollar, ein Liter Milch zwei Dollar.

Dem US-Branchendienst „Planet Retail“ zufolge brachte erst die Wirtschaftskrise ein vorsichtiges Umdenken des Amerikaners bezüglich seiner Einkaufsgewohnheiten. Diskonter haben seit 2006 zwar leicht zugelegt. Der Branchenumsatz liegt US-weit aber immer noch bei läppischen drei Prozent, in New York bei unter zwei Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland und Österreich sind die Diskonter bereits für mehr als ein Drittel des Branchenumsatzes verantwortlich.

Trader Joe's hat diese gewaltige Marktlücke als Erster erkannt. Der Billigladen will von der Arbeitslosenrate in Höhe von knapp zehn Prozent profitieren und buhlt seit Monaten intensiv um Kundschaft in Manhattan. Weil die für lange Zeit einzige Filiale im Zentrum der Stadt nahe dem Union Square stets überlaufen ist, wurden kürzlich zwei Geschäfte an der Westseite eröffnet, ein weiterer Markt an der luxuriösen Upper East Side ist in Planung.

Das in Kalifornien ansässige Unternehmen gehört zum deutschen Aldi-Konzern. Der heuer verstorbene Theo Albrecht kaufte den Händler 1979 und machte aus dem einstigen Sandwichverkäufer einen Diskonter mit mittlerweile 345 Filialen in 25 Bundesstaaten.

Dabei setzt der Aldi-Konzern auf sein aus Europa bekanntes Schema: eine kleine Produktpalette, ein Mindestmaß an Service, dafür besonders günstige Preise. In den ländlichen Gegenden der USA ist dieses Konzept seit Jahren erfolgreich. Genaue Zahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt, „Planet Retail“ schätzt den Umsatz von Trader Joe's auf acht Mrd. Dollar pro Jahr, eine Verzehnfachung seit 1990.

Mit dem Schritt in die Großstadt New York will die Aldi-Tochter ihren Expansionskurs fortsetzen. Doch wie lange der Erfolgslauf von Trader Joe's in Manhattan anhalten wird, bleibt abzuwarten. Zwar haben auch andere Billigläden wie Target oder K-Mart vereinzelt Geschäfte aufgesperrt. Ernstzunehmende Konkurrenz blieb bislang allerdings aus. Doch nun hat die Wirtschaftskrise auch Wal-Mart auf den Gusto gebracht. Der weltgrößte Supermarkt kündigte an, ebenfalls in New York einziehen zu wollen.

Wal-Mart kommt. „Wir sehen Raum für hunderte kleine Geschäfte in den Großstädten“, verkündete der USA-Chef des Diskonters, Bill Simon. Der Umsatz (408 Mrd. Dollar) und die Zahl der Filialen des größten privaten Arbeitsgebers der Welt stagnieren am Heimatmarkt seit Jahren. Lediglich durch Expansion im Ausland konnte der Gigant wachsen. „Nun wollen wir auch am Heimatmarkt zulegen“, sendete Simon eine Warnung an die Konkurrenz. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ist euphorisch: „Es gibt zu wenige Supermärkte in unserer Stadt. Wal-Mart ist willkommen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2010)

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