Über die tatsächlichen Fähigkeiten des einzelnen Schülers sagen Noten oft nur wenig aus. Warum entscheiden sie dennoch über die Zukunft unserer Jugendlichen?
Je mehr Einser im Zeugnis stehen, desto größer fällt Omas Belohnung für den tüchtigen Enkel aus. Doch ist, wer mehr Einser hat, tatsächlich fleißiger – oder gar klüger? Was sagen Sehr gut und Nicht genügend denn tatsächlich über die Fähigkeiten des Einzelnen aus? Und: Sind Noten in einer Gesellschaft, in der – nach Schule und Uni – Leistung nie wieder in Ziffern gefasst wird, nicht sogar ein Relikt aus längst vergangener Zeit?
Dass Noten oft nur wenig mit dem tatsächlichen Wissen zu tun haben, beweist der nationale Bildungsbericht. Die im PISA-Test gemessenen Mathematik-Leistungen haben oft kaum etwas mit den tatsächlich vergebenen Noten zu tun (siehe Grafik). Eine Tatsache, die kaum verwundert: Soll doch die Note nicht nur den Wissensstand dokumentieren und Vergleichbarkeit zwischen den Schülern gewährleisten – sondern auch individuelle Fortschritte eines Schülers nicht außer Acht lassen. All diese Informationen in einer Note zu kumulieren, sei kaum möglich – und „eines der wesentlichen Probleme unseres Systems“, sagt Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Uni Wien.
Schlechte Schüler ohne Chance?
In der Praxis werden Noten zumeist an die soziale Bezugsnorm angelehnt – die Leistung von Schülern einer Klasse wird also voneinander abhängig gemacht. Vor allem auf schlechtere Schüler kann das demotivierend wirken. Auch wenn sie sich weiterentwickeln und Fortschritte machen, werden sie im Bezug auf den Rest der Klasse zumeist hinterherhinken. Vergleichbarkeit zwischen den Klassen, Schulen oder gar Bundesländern ist zudem nicht gegeben.
Welche Leistung konkret hinter einer Note steckt, ist also oft nicht nachvollziehbar. Mit welcher Gewichtung Mitarbeit, Hausübungen und Schularbeiten in die Noten einfließen, ist nicht fix geregelt. Wie etwa ein Mathematiklehrer einen hochbegabten Schüler, der keine einzige Hausübung gemacht hat, beurteilen sollte, liegt im Ermessen des einzelnen Pädagogen. Ein Sehr gut würde die fachliche Leistung des Schülers widerspiegeln, aber seine Faulheit verleugnen. Ein Nicht genügend hätte genau den umgekehrten Effekt. Nicht zuletzt diese Intransparenz ist Grund für den geringen Informationsgehalt von Noten.
Historisch gesehen haben Noten eine lange Tradition: Sie dürften auf eine Erfindung der Jesuiten im 19.Jahrhundert zurückgehen, manche Wissenschaftler datieren ihre Entstehung auf einen noch früheren Zeitpunkt. Die inhaltliche Beurteilung wurde damals durch Skalen ersetzt, da man prägnante Informationen zur besseren Vergleichbarkeit haben wollte.
Verbale Beurteilung als Ausweg?
Wie aber können die Nachteile, die diese Entwicklung mit sich brachte, ausgeglichen werden? Auf den ersten Blick scheinen alternative Beurteilungsmethoden das neue Allheilmittel zu sein. Bereits an fast der Hälfte aller Volksschulstandorte laufen derartige Schulversuche.
Die Lernfortschrittsdokumentation, das Pensenbuch und die verbale Beurteilung haben eines gemeinsam: Die Ziffernbeurteilung wird durch das Sammeln der Einzelleistungen des Schülers ersetzt. Jedoch: Für die Kinder macht das kaum einen Unterschied, sie wissen ziemlich genau, wo sie im Vergleich zu anderen Schülern stehen, meinen Kritiker. Auch verbale Beurteilungen werden durch sich im Lauf der Zeit entwickelnde standardisierte Formulierungen vergleichbar. Spätestens ab der vierten Schulstufe sind Noten ohnehin ein Muss: An den Nahtstellen zwischen den einzelnen Schulstufen seien sie als Vergleichskriterium heranzuziehen, fordert das Gesetz. Absurd ist, dass gerade die informationsarmen Noten an diesem Punkt zu einem Selektionskriterium werden. Lehrer geraten so oft unter Druck vonseiten der Eltern (siehe Bericht unten).
Will man die Objektivität erhöhen, müsste man die Lehrer von ihrer Doppelrolle als Förderer und Bewerter befreien. Externe Prüfungen könnten das gewährleisten. Die Individualisierung geht dabei jedoch komplett verloren – Lernfortschritte oder Fleiß würden absolut keine Abbildung in der Beurteilung mehr finden.
Rückmeldung für die Schüler
Noten haben aber nicht nur Kommunikationsfunktion nach außen. Im Optimalfall besitzen sie auch eine Rückmeldefunktion für den Schüler selbst. Gute Leistungen sollen gelobt, Verbesserungspotenzial aufgezeigt werden. Ein Zeugnis wäre dann nicht nur ein Blatt Papier, sondern ein genauer Bericht, anhand dessen sich die Schüler konkrete Ziele zur Leistungssteigerung setzen könnten.
Fazit: Ganz ohne Noten wird es nicht gehen. Mehr Transparenz und konkrete Berichte über Stärken und Defizite würden die mangelnde Vergleichbarkeit und die nur wenig entwickelte Rückmeldekultur verbessern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2010)