Wenn es um Macht, Posten und Einfluss geht, wird auch die gefürchtete grüne Basis plötzlich sehr pragmatisch.
98,54 Prozent der Delegierten stimmten für eine rot-grüne Koalition. Das ist nicht das Abstimmungsergebnis der Kaderpartei SPÖ, sondern die Zustimmung der berüchtigten und vermeintlich unberechenbaren grünen Basis. Das sind jene Basisfunktionäre, die vor dem Sommer einen erfolgreichen grünen Bezirksvorsteher abgesägt und Parteispaltungen in zwei Bezirken ausgelöst haben.
Dazu gibt es zwei Sichtweisen. Die schmeichelhafte: Parteichefin Maria Vassilakou hat es geschafft, aus dem einst zerstrittenen Haufen eine harmonische Partei zu formen.
Die realistischere Variante: Wenn es um Macht und Einfluss geht, wird sogar die gefürchtete grüne Basis lammfromm und beschert ihrer Parteichefin eine fast nordkoreanische Zustimmung zum Koalitionspakt. Anders formuliert: Im Zweifel schlägt auch bei den Grünen der verlockende Duft der Macht die geheiligte Ideologie, die besagt, dass zu viele Kompromisse die Selbstachtung der Grünen zerstören würden. Nun heißt es, man sei eben der kleine Koalitionspartner und könne eben nicht alles durchsetzen. So sieht Pragmatismus aus.
Wobei es nichts daran ändert, dass die rot-grüne Koalition ein persönlicher Erfolg von Maria Vassilakou ist. Sie hat aber ein Problem. Denn sie braucht die Basis nicht nur für einen Abstimmungstag – sondern für jeden Tag in den nächsten fünf Jahren. Dass das gelingt, darf bezweifelt werden.
martin.stuhlpfarrer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2010)