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Gidon Kremer zum Geburtstag

Der Geiger aus Riga, der seinen Ruhm stets dazu nützte, sich für Unterdrückte und Unterschätzte zu engagieren, wird 75.

Als der junge Gidon Kremer erstmals im Westen musizieren durfte – Wunderdinge erzählte man sich nach den ersten Duoabenden mit dem Pianisten Oleg Maisenberg – rissen sich die großen Dirigenten jener Ära darum, ihn für ihre Orchesterkonzerte als Solisten zu gewinnen. Herbert von Karajan machte sogar quasi über Nacht eine Schallplattenaufnahme des Brahms-Konzertes mit dem jüdischen Musiker aus dem lettischen Riga, der mit 23 den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen hatte. Was die musikalische Erziehung angeht, war Kremer einerseits Kind einer Musiker-Familie mit deutschen und schwedischen Wurzeln, andererseits aber eingebunden in den sowjetischen Lehrbetrieb, der den Hochbegabten zum Meisterschüler des damals berühmtesten russischen Geigers werden ließ: David Oistrach.

Prominenz für den guten Zweck

Kremers künstlerischer „Stammbaum“ war verlockend für die westlichen Klassik-Managements. Doch Kremer entzog sich dem Business, so weit er konnte. Vereinnahmen ließ er sich stets nur so weit, dass es ihm möglich wurde, geerntete Lorbeeren sogleich als Werbemittel für die Verbreitung von Musik zu nutzen, die er für wertvoll hielt, die aber damals keine Chance hatte gehört zu werden.

Schnittke, Pärt, Gubaidulina

So wurde Gidon Kremer zum Sprachrohr: Komponisten wie Alfred Schnittke oder Arvo Pärt, die heute als Galionsfiguren eines musikalischen Aufbruchs aus den Zwängen der Avantgarde-Doktrinen gelten, sind nicht zuletzt durch Kremers gegen alle Widersprüche, Verhinderungsmaßnahme und – nicht zuletzt – Repressionen der sowjetischen Behörden international bekannt gemacht worden. Er spielte ihre Musik, wo immer er konnte.

Etliche Namen wären zu nennen. Auch der Sofia Gubaidulinas, die Kremer eine erste Schallplattenaufnahme bei der Deutschen Grammophon verdankt und zahllose Aufführungen bei den renommiertesten Festivals auf allen Kontinenten: Wer Kremer wollte, mußte immer auch die Musik »mitkaufen«, die ihm am Herzen lag. Dann war er auch bereit, zwischendurch Beethoven, Brahms oder Mozart zu spielen.

Arbeit mit Harnoncourt

Letzteren aber vorrangig in Interpretationen, die für die damalige Zeit ungemein widerborstig klang – Gidon Kremer gab auch der Originalklang-Bewegung Schützenhilfe. Mit Nikolaus Harnoncourt nahm er in dessen ersten Fühlungnahme mit den Wiener Philharmonikern für CD und Film die Mozart-Violinkonzerte auf. Er fühlte sich in solchen Konstellationen als mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan – und schrieb damit Interpretationsgeschichte. Mit Harnoncourt entstanden in der Folge etliche Aufnahmen, unter anderem auch die Konzerte von Beethoven und Brahms, aber auch eine Rarität wie das Violinkonzert von Robert Schumann.

Star-Partnerschaften

In seinem Innovationsgeist und seiner Unangepaßtheit, traft sich Kremer immer mit Künstlerpersönlichkeiten wie Martha Argerich. Mit ihr und dem Cellisten Mischa Maisky bildete er Duo und Trio-Konstellationen, die auf den Konzertpodien und im Plattenstudio das Interesse für die Kammermusik schürten – bei weiteren Publikumskreisen als die intime Form sonst erreichen kann. Selbst den Festspielgedanken konnte Kremer in diesem Sinne neu formulieren: Mit dem burgenländischen Landpfarrer Josef Herowitsch gelang es ihm, in Lockenhaus, nahe der ungarischen Grenze, ein Festival zu etablieren, das zu einem internationalen Begriff wurde.

Eine Lanze für Weinberg

So entstand ein ungemein reiches Erbe an Aufnahmen Kremers, von der großen, viel gespielten Konzert-Literatur bis zur zeitgenössischen Rarität, oft Musik in skurrilen Besetzungen, für die Kremer ad hoc prominente Kollegen begeistern konnte, oder junge Musiker, die dank der Zusammenarbeit mit ihm entscheidende Starthilfen bekamen. In den Jahren um seinen 75. Geburtstag engagierte sich Kremer weltweit vor allem die die Musik des Schostakowitsch-Zeitgenossen Mieczyslaw Weinberg, ein Engagement, das für die Musik dieses Komponisten zu einer veritablen Renaissance führte.