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Architekturjuwele

Den „Charme einer Bundfaltenhose“ tunlichst vermeiden

Flair statt sterile Perfektion: Altbausanierungen brauchen Fingerspitzengefühl.
Flair statt sterile Perfektion: Altbausanierungen brauchen Fingerspitzengefühl.(c) Getty Images/iStockphoto (KatarzynaBialasiewicz)
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Die Todsünden beim Herrichten von großen Gründerzeitschönheiten.

Ihre Architekten haben an alles gedacht: Die Wohnungen in den Wiener Gründerzeithäusern haben hohe Decken, großzügige Sichtachsen, Flügeltüren und Dienstbotenzimmer. Allein, es ist heute unvergleichlich schwerer als damals, gutes Personal zu finden, das dort auch leben möchte. Außerdem wollen viele Menschen heute mehr als ein Bad in der Wohnung, und nur hintereinander begehbare Zimmer haben deutlich an Attraktivität verloren. Deshalb nehmen sich Architekten der Gegenwart eben dieser Architekturjuwele aus der Vergangenheit an und adaptieren sie an die Ansprüche des dritten Jahrtausends.

 

Potenzial für schlimme Fehler

Dass Altbausanierungen großes Potenzial haben – leider auch für schlimme Fehler – wissen alle, die historische Immobilien mit Liebe zur Substanz wieder herrichten, zur Genüge. „Da gibt es wirklich wahnsinnig viele Projekte, die ein Stich ins Herz sind“, bringt es Michael Niederer, Chefdesigner von St. Corona Interiors, auf den Punkt. Und auch Daniel Hora von .megatabs bedauert, „dass in Wien so viele Fehler gemacht und so viel verbaut werde. „Der größte Fehler ist meistens, jeden Winkel gerade machen zu wollen, und dann hält der Trockenbau in das Gründerzeithaus Einzug“, nennt Philip Buxbaum von smartvoll-Architekten einen der Kardinalfehler beim Adaptieren historischer Substanz. Denn wenn jede Hohlkehle begradigt ist, verliere das Ganze seine Besonderheit und entwickle den „Charme einer Bundfaltenhose“ – aber gerade Bauträger machen das leider gern.“

Dabei gehe es aber keineswegs um eine museale Erhaltung alter Wohnformen, stellt der Architekt klar: „Im Biedermeier etwa hat es ein komplett anderes Familienmodell gegeben, bei dem alle zusammen gewohnt haben, weshalb nur chronologisch begehbare Zimmer kein Problem waren. Aber heute muss man ja kein 200 Jahre altes Gesellschaftsmodell mehr leben.“

Was keineswegs zerstörend sein muss, auch wenn einige Wände weichen müssen, „denn ein Kabinett braucht heute niemand mehr“, sagt Buxbaum. Aber bei der Erzeugung eines modernen Raumkontinuums müsse Vorsicht und Augenmaß walten. „Wenn man bei Wohnungen zu viele Wände herausnimmt, verliert man einerseits Stellfläche und hat keinen Stauraum mehr“, sagt der Architekt. Außerdem halte sich niemand gern in einem großen Raum auf, in dem „motivationslos Möbel aufgestellt“ seien. „Denn eigentlich will jeder eine Zonierung und Räume, schon Loos hat vor 100 Jahren gewusst, dass Zonierungen gute Spannung schaffen.“

Altbau-Markenzeichen: Stuck an der Fassade
Altbau-Markenzeichen: Stuck an der Fassade(c) Getty Images/iStockphoto (Bogdan Khmelnytskyi)

 

Gefühl für Proportionen

Zudem ist es wichtig, die Proportionen bei den neuen Grundrissen im Blick zu behalten – denn wie „falsch“ sich eine hohe Decke anfühlen kann, weiß man von kleinen Altbau-WCs, die schon fast eine – völlig unpassende – Kathedralenhöhe haben. Aber auch in größeren Zimmern lassen sich dabei mächtige Fehler machen, wie Niederer weiß: „Problematisch wird es beispielweise, wenn man die Decke so abhängt, dass der Plafond direkt über dem Fenster beginnt; oder Wände so versetzt, dass sie so dicht neben dem Fenster verlaufen und nicht einmal mehr ein Vorhang Platz hat.“

Wobei das Abhängen von Decken bestenfalls eine Notlösung sein kann, wie Hora betont. „Das ist oft die größte Sünde“, weiß der Architekt. „Wenn wir unter abgehängten Decken schönen alten Stuck finden oder gar ein Kreuzrippengewölbe, dann fragen wir uns schon oft, wie man das nur machen konnte“, berichtet er. Genauso kommt immer wieder altes Fischgrätparkett zutage, räumt man Beläge wie Teppich, Laminat oder PVC darüber weg. Über Bauherren, die sich entschließen, heute noch mit Laminat über Parkettböden im Altbau Mühe und Geld zu sparen, sei hier der Mantel des Schweigens gebreitet.

 

Neu und Alt kombinieren

Zumal neue Elemente durchaus schön und respektvoll mit dem alten Bestand kombinierbar sind, wie Buxbaum betont: „Wenn man modernste Technik einbaut, gibt es dafür beispielsweise wunderschöne Glasschalter-Programme“, erklärt er. Auch das Erhalten und Wiederaufarbeiten originaler Details zahle sich immer aus, ergänzt Niederer. Oft sind es sogar Unikate, die es kein zweites Mal mehr gebe. „Historische Beschläge können verloren gehen, weil überall die Standardbeschläge ,Alt Wien' benützt werden“, bedauert er. „Dabei waren diese zum Teil schon damals Unikate von höchstkarätigen Designern und Manufakturen ihrer Zeit.“

Überhaupt sei die Beschäftigung mit der Zeit, aus der das Haus stammt, nicht nur eine Notwendigkeit, sondern eine Inspiration, ist der Designer überzeugt. „Da kann man antike Böden einbauen lassen oder im Bad echte Fliesen der Epoche verwenden“, erzählt Niederer. Was so authentisch umgebaut und mit Belägen aus der Zeit in verrückten Farben, für viele Jahre ein wirklich cooles Bad ergeben kann. Genau so, wie es jede Menge dekorative Elemente in Sachen Beleuchtung für den Altbau gebe, mit denen sich die Räume mit Geschichte großartig inszenieren lassen.

 

Offen für Imperfektionen

Das Um und Auf sei aber, sich mit der Bausubstanz auseinanderzusetzen und sie in ihrer Einzigartigkeit zu schätzen, sind die Architekten überzeugt. „Wichtig ist, sich als Bauherrenschaft damit auseinanderzusetzen, was es bedeutet, in einen Altbau einzuziehen“, erklärt Niederer. „Zu verstehen, dass das Leben darin eben anders ist als in einem Neubau, dass die Holzfenster vielleicht nicht so hundertprozentig schließen und der Parkettboden womöglich knarrt“, führt der Designer aus. Was ja durchaus den Charme des Wohnens im Altbau ausmacht, wie Buxbaum unterstreicht. „Da muss man mit den Nutzern und Bauherren in den Dialog gehen und sagen, ,Lass Dich doch ein bisserl auf den Bestand ein, leb mit ein paar Imperfektionen‘ – denn es muss nicht immer alles geschniegelt sein.“

Und das wird es auch tatsächlich nicht, wie Hora hinzufügt: „Bauen im Bestand heißt: Es wird Überraschungen geben und nie ganz so sein wie geplant“, erklärt der Architekt. „Da muss man einfach entsprechend open minded und gewillt sein, darauf einzugehen und zu reagieren.“ (SMA)

AUF EINEN BLICK

Sie sind von ganz besonderer architektonischer Schönheit, die Gründerzeithäuser der Hauptstadt. Was nicht heißt, dass auch die größten Altbaufans nicht gewisse Adaptierungen an die Neuzeit vornehmen lassen. Um dabei den imperialen Charme nicht hinauszurenovieren lassen, braucht es Architekten und Designer mit Liebe zur Epoche, Wissen um Proportionen – und um die Tatsache, dass es nicht ohne Überraschungen gehen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2022)