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Interview

Soziologe Bernhard Kittel: „Als junger Mensch kann man leichter hedonistisch sein“

Bei der wachsenden Bedeutung von Freizeit gebe es einen starken „Mittelklasse-Bias“, sagt der Soziologe Bernhard Kittel.

Arbeitszeitverkürzung ist auf dem Vormarsch. Unternehmen werben mit der sechsten Urlaubswoche und laut Umfragen gewinnt Freizeit im Vergleich zur Arbeit an Bedeutung. Wie stark ist der Trend zu Work-Life-Balance gesamtgesellschaftlich?

Bernhard Kittel: Es sind verschiedene Aspekte gleichzeitig am Werk. Ganz grundsätzlich: Die Verschiebungen, die man statistisch beobachten kann, sind da, aber klein und langsam und teilweise auch widersprüchlich. Es gibt ganz allgemein einen Trend zu mehr Achtsamkeit bei der Frage, wie sehr man sich in der Arbeit verausgabt im Vergleich zu anderen Interessen. Ich vermute aber, dass wir da nur über einen Teil der Arbeitnehmer sprechen.

Also vor allem über gut qualifizierte, besser verdienende Menschen?

Wir sehen ganz allgemein schon eine Zunahme der Bedeutung von Freizeit. Nehmen wir den European Social Survey, der die Befindlichkeit der Europäer in sozialen Fragen untersucht. Bis Juli 2020 lag der Anteil der Unter-36-Jährigen, die es als sehr wichtig erachteten, dass ihnen neben dem Job viel Freizeit bleibt, knapp unter 40 Prozent. Bis März 2021 stieg er auf 45, im September lag er bei 41 Prozent. Bei den 36- bis 64-Jährigen stieg der Wert zwischen 2016 und 2020 von einem Viertel auf ein Drittel und im September 2021 auf 39 Prozent. Wir sehen also einen leichten Anstieg der Bedeutung von Freizeit. Aber es ist nur eine Verschiebung um ein paar Prozentpunkte. Und die Erhebung hat einen Mittelklasse-Bias. Besser qualifizierte und verdienende Beschäftigte sind eher bereit, an solchen Umfragen teilzunehmen. Menschen, die prekär beschäftigt oder prekär selbstständig sind, brauchen gar nicht darüber nachzudenken, wie wichtig ihnen Freizeit ist. Sie müssen arbeiten, um Geld zu verdienen.