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Integration per Moonwalk

Integration Moonwalk
(c) Presse.com (Kronbichler
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In der Brunnenpassage in Wien-Ottakring soll Kunst Menschen verschiedener Herkunft zusammenbringen.

„Findet den Michael Jackson in euch. Drehung, Drehung, Hüfte, Hüfte!" Die junge Frau in der ersten Reihe hüpft energiegeladen durch den Saal, während die Gruppe hinter ihr zunehmend mit Atemnot und Schweißausbrüchen kämpft. Dreizehn Männer, Frauen und Jugendliche haben sich in der Brunnenpassage versammelt, um unter dem Motto „Michael Jackson Remember" den Tanzstil des King of Pop zu lernen - und dabei möglichst auch noch Vorurteile gegenüber Menschen anderer Herkunft abzubauen. Denn die Brunnenpassage ist ein Integrationsprojekt. Das Kulturzentrum der Caritas im 16. Wiener Bezirk versteht sich als Ort der Begegnung für Österreicher und Migranten.

„Wenn man gemeinsam singt und tanzt, ist es ganz egal, welche Sprache man spricht und wie lange man schon in Österreich ist", sagt Anne Wiederhold, Leiterin der Brunnenpassage. „Menschen sollen hier Ängste verlieren und Vorurteile abbauen. Bei uns bringt Kunst die Menschen zusammen".

Der Jackson-Tanzkurs hat Ekin, Miriam und Hanna zusammengebracht. Die Mädchen zeigen sich überzeugt, dass Menschen aus verschiedenen Ländern voneinander lernen können: „Die Wiener könnten von den Türken lernen , mehr zu lächeln und respektvoller zu sein", sagt Ekin, die türkische Wurzeln hat. Und umgekehrt? „Wiener Kaffeehauskultur, Knödel, ..." - „... und Schweinebraten", springt Miriam ein.

Von der Diskussion um die Aussagen des türkischen Botschafters in Wien haben die drei Mädchen gehört. Sie finden aber, dass sich Österreicher und Türken nicht gegenseitig Vorwürfe machen sollten.

Auch Brunnenpassage-Chefin Wiederhold stimmt den Thesen des Botschafters nicht zu - etwa jener, dass sich die Österreicher nur im Urlaub für fremde Kulturen interessieren würden. Das nehme sie in ihrer täglichen Arbeit ganz anders wahr. Etwa im Chor der Brunnenpassage, in dem Österreicher und Migranten schon einmal gemeinsam türkische Lieder singen. „Natürlich sind da auch sogenannte Gutmenschen dabei, die sowieso schon offen sind" - aber nicht nur, versichert Wiederhold.

Verständigungs-Schwierigkeiten beim Beatboxing

Auch auf Seite der Migranten sind in der Brunnenpassage nicht nur „Vorzeigemodelle" willkommen. Bei einem Beatbox-Workshop etwa stehen mehrere Männer hinter den Mikrophonen, die den Anweisungen des Workshop-Leiters aufgrund mangelnder Deutsch-Kenntnisse nicht so recht folgen können. Doch es geht auch so, nach anfänglichen Hemmungen pusten und zischen alle Teilnehmer kräftig in die Mikrofone und erzeugen nach und nach immer Schlagzeug-ähnlichere Geräusche.

Unter den Beatboxing-Lehrlingen ist auch der Afghane Hamayun, der seit zwei Jahren Stammgast in der Brunnenpassage ist. Von Tanzen über Singen bis zum monatlichen Picknick sei er überall dabei, erzählt er in gebrochenem Deutsch. Das sei auch eine gute Möglichkeit, seine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Also alles heile Integrations-Welt in der Brunnenpassage? Wiederhold weiß auch von weniger erfreulichen Momenten ihrer Arbeit zu berichten. Etwa, als es bei einer Aufführung südamerikanischer Tänzer aus dem Publikum verwundert tönte: „Die können ja genauso gut tanzen wie Neger". Rehab, eine Frau mit palästinensischen Wurzeln aus dem Jackson-Tanzkurs, sieht in Wien Ghettoisierungs-Tendenzen - auch wenn sie persönlich als Bewohnerin des Brunnenviertels nie Probleme gehabt habe. Und für Hamayun ist die Debatte um Probleme bei Integration und Asyl alles andere als theoretisch: Sein 18-jähriger Sohn hat erst kürzlich einen Abschiebe-Bescheid erhalten.

Brunnenpassage

Die Brunnenpassage beim Yppenplatz in Ottakring wurde 2007 von der Caritas Wien als „Ort der Begegnung und Integration" ins Leben gerufen. Bei freiem Eintritt finden in der ehemaligen Markthalle Veranstaltungen wie Tanz-Workshops oder DJane-Kurse statt. Damit soll den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen am Brunnenmarkt Zugang zu Kunst ermöglicht werden.