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Balkan: Bosniens saftige Früchte des Zorns

(c) AP (Fabian Bimmer)
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Wo Granaten die Granatapfel-Plantagen zerstörten, erntet ein Steirer die besten Wildfrüchte der Welt und zeigt, dass auch in einem gescheiterten Staat Geschäfte gelingen.

Sarajewo. Werner Retter ist ein steirischer Dickschädel. Der Obstbauer aus Pöllauberg steht auf dem Hang eines Hügels in der milden Herbstsonne der Herzegowina. Rund um ihn wuchert Buschwerk in unwegsamem Land. Wo vor dem Bosnien-Krieg die Landwirtschaft blühte, Obst und Gemüse auf üppigen Terrassen gediehen, machen sich Hecken mit wilden Granatäpfeln breit. Kleine, knorrige Früchtchen, lange auch von den einheimischen Kleinbauern gering geschätzt. Die Ernte ist mühsam und wenig ergiebig, Teile des Terrains sind immer noch vermint.

Für den geschäftstüchtigen Retter aber ist das wüste Land ein „Paradies“. Mediterranes Klima, reichlich Wasser, unverdorbene Böden und seltene Sorten: „Das könnte die Wachau der Granatäpfel werden.“ Früher hat auch Retter für seine Biosäfte die mit Stickstoff und Wasser aufgeblähten Früchte aus Ägypten, Zypern und Aserbaidschan gekauft.

Bis ihn der junge bayerische Betriebswirt und Önologe Sebastian Lerchl vor zwei Jahren auf die Wildfrüchte hinwies, die es nur noch rund um Mostar gibt. Sie geben einen besonders aromatischen Saft, der sich zu stolzen Preisen als Lebenselixier in Apotheken und Bioläden verkaufen lässt. Im Wallfahrtsort Medjugorje soll die Muttergottes Wunder wirken, wenige Kilometer weiter basteln die beiden wagemutigen Unternehmer an ihrem kleinen Wirtschaftswunder – finanziell unterstützt von der ADA, der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (siehe Artikel rechts).

 

Die „furchtbare“ Bürokratie

Sie schließen mit den Kleinbauern Abnahmeverträge ab, schulen und zertifizieren sie. „Paradelandwirte kriegen dann einen größeren Mercedes, und dann kapieren es hoffentlich alle“, erklärt Retter schmunzelnd. Freilich seien die Bauern das „kleinste Problem“, die „sind vif und lernen schnell“. Mit ihnen schmiedet er neue Pläne, vom Wildspargel bis zum Bio-Rohschinken. Die Bürokratie aber erlebt der Österreicher als „furchtbar“, voller „Hürden und Korruption“. Deshalb will der ehrgeizige Kompagnon Lerchl noch weiter hinaus. Das Genossenschaftsmodell für Biobauern soll sich auf ganz Bosnien ausweiten. Es geht um Wildkräuter, Eicheln, Kürbiskerne und Äpfel. Um Dünger, Saatgut und gemeinsam genutzte Maschinen. Um 10.000 Hektar neu erschlossenen Landes für 4000 Bauern, teils vom Staat gepachtet: „Dann sind wir ein Faktor in der Politik“, dann kann sich der Unternehmer gegen die Mächtigen behaupten.

Denn Bosniens Wirtschaft ist das Opfer eines gescheiterten Staates. Er wurde im Friedensvertrag von Dayton geschaffen, nicht rechtzeitig reformiert und hat sich nun zu einem unregierbaren Gebilde verfestigt. Zwei staatliche „Entitäten“ (die Bosnisch-Kroatische Föderation mit zehn „Kantonen“ und die Republika Srpska) beschäftigen 180 Ministerien. Ein korrupter Monsterapparat für ein armes Vier-Millionen-Volk, der zahllose Initiativen erstickt.

Der Tag neigt sich, die Granatapfel-Hecken leuchten im goldenen Abendlicht auf. Unten im Tal liegen, planlos verstreut, protzige Einfamilienhäuser, gebaut mit dem Geld der Migranten und Gastarbeiter aus der Diaspora. In Bosnien-Herzegowina geht es nur sehr langsam weiter. Die Wirtschaftsleistung erreicht mit 3100 Euro pro Kopf nur knapp ein Drittel von jener der kroatischen Nachbarn. Die Arbeitslosigkeit beträgt 40 Prozent, unter Jugendlichen in einigen Regionen bis zu 80 Prozent.

Doch ganz ist den schlimmen Zahlen nicht zu trauen. Durch die Fußgängerzone von Sarajevo flanieren modisch gekleidete junge Menschen, der morgendliche Verkehrsstau straft die Statistik Lügen. Irgendwie kommt fast jeder zu ein wenig Geld und Arbeit – die Schattenwirtschaft macht etwa die Hälfte des BIPs aus, eine Milliarde Euro an Überweisungen tun ihr Übriges.

 

Hightech auf musealen Maschinen

Doch dieses „Über-Wasser-Halten“ ist kein Wachstumsmodell. Die produktive Basis ist weggebrochen. Im alten Jugoslawien war Bosnien ein Industrieland, Metallbearbeitung und Autozulieferer sorgten für relativen Wohlstand. Einen kleinen Teil dieses fast verlorenen Potenzials zu retten – dafür kämpft der Vorarlberger Kurt Köpruner zusammen mit seiner kroatischen Frau Snjezana Desnica. 2004 haben sie mit dem Stahlbauunternehmen gs-tmt eine „Ruine“ übernommen, „wo Stalaktiten von den Decken hingen“.

Sie heuerten talentierte Schweißer und eine junge Diplomingenieurin an und schulten sie mit viel Geduld neu ein. Denn die „Ausbildung ist schlecht“, und die Handwerker hatten ihr Handwerk fast verlernt, weil sie „jahrelang nur Cola und Cevapcici verkauft hatten“. Wo im Krieg Granaten produziert wurden, entstehen mit teils museumsreifen Maschinen nun Hochpräzisionsteile. Doch die Sorgfalt der Maschinenführer macht das wett, die Firma floriert.

Ein Beispiel, das Hoffnung macht. Die haben die älteren Bosnier freilich nie ganz verloren. Denn ihre Klagen über Stillstand und Perspektivlosigkeit enden doch meist tröstlich: „Wenigstens wird nicht mehr geschossen.“

Auf einen Blick

Bosniens Wirtschaft leidet unter einem aufgeblähten Staatsapparat und Korruption. Dennoch schaffen es auch österreichische Unternehmer, das Potenzial des Landes zu nutzen: die idealen Voraussetzungen für Bio-Landwirtschaft und das fast vergessene Know-how in der Metallbearbeitung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2010)