Der schnelle Sportler aus der Retorte

(c) REUTERS (YURIKO NAKAO)

Gendoping ist alles andere als ungefährlich, dürfte aber bereits vereinzelt Realität sein. Das brisante Thema wird auch bei der Sportärztewoche in Zell am See behandelt werden.

Niemand weiß es so ganz genau, aber es dürfte bereits passieren, und es könnte irgendwo auf der Welt Realität sein: In einem geheimen Labor pflanzen Biochemiker neues Genmaterial in den Bizeps eines Leistungssportlers. Noch dürfte es sich beim Gendoping um Ausnahmefälle handeln. Jedoch: Diese neue – und alles andere als ungefährliche – Variante des künstlichen Aufpäppelns eines Sportlers könnte ihren Kinderschuhen bald entwachsen und eines Tages sogar auf Hobbysportler überschwappen, malen manche Experten schwarz.

Der Sportler aus der Retorte ist jedenfalls keinesfalls nur Utopie. Faktum ist: Es sind derzeit mehr als 230 Gene und Genvarianten bekannt, die die physische Leistungsfähigkeit im Sport beeinflussen können. Ein potentes „Sportgen“ wirkt zum Beispiel auf Erythropoietin (Epo) zur Steigerung der Ausdauerleistung, ein anderes auf Myostatin zur Steigerung der Muskelkraft.

 

Vierteilige Kurzserie

Über „Realität und Zukunft des Gendopings“ wird Universitätsprofessor Norbert Bachl, Leiter des Zentrums für Sportwissenschaft und Universitätssport in Wien, bei der Sportärztewoche in Zell am See (5. bis 10. Dezember) referieren. „Die Presse“ ist wieder Kooperationspartner bei dieser Fortbildungsveranstaltung, auf der Gesundheitsseite gibt es daher eine vierteilige Kurzserie.

Zurück zum Gendoping, das auf folgender Grundlage basiert: Gene steuern die Bildung von Proteinen, diese wiederum sind für verschiedenste Körperfunktionen verantwortlich – zum Beispiel für Hormonproduktion, Blutbildung, Muskelwachstum. Diese Funktionen könnte man auf mehrere Arten beeinflussen, unter anderem mit der In-vivo-Gentherapie.

 

Extrem gefährliche Nebenwirkung

Spezielle Viren mit therapeutischen Genabschnitten werden direkt in den Körper injiziert. „Das kann extrem gefährliche Nebenwirkungen haben, es können Krebs- oder Autoimmunerkrankungen entstehen“, warnt Bachl. Ein Experiment mit einem Affen, bei dem man auf diese Weise die Epo-Produktion ankurbeln wollte, ging für das Tier tödlich aus.

 

Das hat letale Folgen

„Das Problem ist, dass man durch Genmanipulation zwar die Epo-Produktion anregen, diese Überproduktion dann aber nicht mehr abstellen kann. Gene lassen sich nach dem Einbau nicht mehr kontrollieren. Und das hat letale Folgen“, erklärte Edmund Benetka vom Dopingkontrolllabor Seibersdorf gegenüber der APA. „Wer Epo-Gene eingepflanzt hat, dem bleiben die hohen Blutwerte und das damit verbundene Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall lebenslänglich erhalten.“ Wobei die Lebensspanne stark verkürzt sein könne. „Wahrscheinlich wird diese Art des Gendopings bei Menschen noch nicht gemacht“, meint Bachl.

Die In-vitro-Variante könnte indes bereits bei Sportlern verwendet werden. Dabei wird beispielsweise ein Muskel biopsiert, daraus werden Muskel- oder Bindegewebszellen entnommen und diese im Reagenzglas mit jenen Genabschnitten beladen, die beispielsweise für die Produktion von Wachstumshormonen verantwortlich sind. Die solchermaßen aufgepäppelten Zellen werden dem Sportler dann zurückinjiziert. Entsprechende Gene sollen so aktiviert werden, leistungssteigernde Proteine zu produzieren.

 

Noch kräftiger durch „Genspritze“

In vitro – so Bachl – sei nach derzeitigem Wissensstand nicht so extrem gefährlich, „weil sowohl die Manipulation auf Zielorgane als auch die Zeitdauer beschränkt sind“. Solchermaßen könnte man dann etwa Epo einschleusen oder Myostatin oder Wachstumsfaktoren wie IGF-1 (kurbelt das Muskelwachsstum an) oder Wachstumshormone.

Vor gar nicht so langer Zeit wurde ein „Human-Speed-Gen“ entdeckt, das die Muskeln besonders schnell macht. Ein Athlet könnte also mittels „Genspritze“ noch schneller, noch kräftiger, noch leistungsfähiger werden. Nachzuweisen, so Bachl, wäre derlei Gendoping nur nach einer Muskelbiopsie. „das ist aber keine gängige Kontrollmethode“.

Genmodulatoren lassen sich allerdings teilweise schon mit Tests nachweisen. Es handelt sich dabei um Hormone oder chemische Moleküle, welche die Aktivität von Genen beeinflussen. Zwei solcher chemischer Moleküle wurden heuer von der Wada (Welt-Anti-Doping-Agentur) bereits verboten: GW1516 und Aicar.

 

Manipulation mit Stammzellen

GW1516 hat bei Mäusen einen Einfluss auf die Muskelaktivität – allerdings nur, wenn die Tiere zugleich ein tägliches Laufradtraining absolvieren. Dann können Mäuse schneller und länger laufen als ebenfalls trainierende Kontrolltiere ohne GW1516. Aicar indes erhöht bei Mäusen die Ausdauer auch ohne Training. Beide Substanzen wurden übrigens ursprünglich als Medikamente gegen Stoffwechselstörungen entwickelt. Eine andere Möglichkeit, Sportler via Genmanipulation zu trimmen, bestünde darin, DNA-Abschnitte in den Zellkern von Körperzellen einzuschleusen oder mit manipulierten Stammzellen zu arbeiten.

 

Die Zukunft hat schon begonnen

Um dem Gendoping einen Riegel vorzuschieben, hat die Wada geplant, neben den bereits eingesetzten Blutpässen (Blut der Sportler wird regelmäßig kontrolliert, Ergebnisse werden in den Pass eingetragen) auch „Hormonpässe“ einzuführen. Bachl: „Hormone und deren Abbauprodukte sollen regelmäßig angeschaut werden. So könnte man genetische Manipulationen aufspüren.“ Das Zeitalter des Gendopings hat also doch schon begonnen!

Auf einen Blick

Im Rahmen der Sportärztewochein Zell am See (5. bis 10. Dezember) wird Univ.-Prof. Dr. Norbert Bachl über „Gendoping – Realität oder Zukunft“ sprechen.

Gendoping ist die nicht medizinisch angezeigte Verwendung von Zellen, Genen und Gen-Bestandteilen oder die Veränderung der auf dem Gen gespeicherten Information, welche die sportliche Leistung erhöhen kann.

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