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„Alcina“: Ein Sieg für Händel und Meyer

(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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Nach 50 Jahren Barock-Abstinenz im Haus am Ring führen Marc Minkowski und seine Musiciens du Louvre Händels Alcina zu einem rauschenden Erfolg in der Wiener-Staatsoper.

Mit emporgereckten Fäusten schwört Alcina dem ungetreuen Geliebten Rache – und was tut Händel? Er lässt seine Titelfigur eben nicht in ein fulminant zürnendes Bravourstück ausbrechen. Anja Harteros, das vokale Zentrum der Aufführung, sank nach einer langen Sekunde der Erstarrung zu Boden – um die ersten Verse der in ihren Rahmenteilen todtraurigen, von klopfendem Herzen und tropfenden Tränen bestimmten c-Moll-Arie „Ah! mio cor!“ auf dem Rücken liegend anzustimmen: traumverlorene, bewegende Töne einer verletzten Frau – und gewiss der stärkste Moment dieser Premiere. Alcina: eine jener zwischen Lully und Wagner in vielen Varianten durch die Operngeschichte geisternden Zauberinnen, die gestandene Recken vom Kriegführen ab- und zu sich aufs Liebeslager hinunterziehen.

 

Lebendiges Musizieren

Mit Georg Friedrich Händels groß angelegter, herrlicher Version des Stoffes (1735) hat Direktor Dominique Meyer nun eine letzte Bastion gestürmt und nach einem halben Jahrhundert Pause der Barockoper im Haus am Ring zu einem grandiosen Sieg verholfen. Das gelang in erster Linie mithilfe von Les Musiciens du Louvre – Grenoble, die für diese Produktion im Graben gastieren: Marc Minkowski und sein in ausreichender Stärke angerücktes, brillantes Orchester musizieren quicklebendig und einfühlsam, mit Verve und Genauigkeit – wobei etliche Instrumentalsoli, etwa das blitzsauber-beseelte Spiel des Konzertmeisters, auf der Bühne als Teil der Inszenierung absolviert werden.

Dass auch eben diese Inszenierung ohne hörbaren Widerspruch dankbar goutiert wurde, lag weniger an Regisseur Adrian Nobles Ideen, sondern mehr an dem, was er alles nicht gemacht hat – und wovon sich das Staatsopernpublikum deshalb verschont wähnen durfte.

Weil die Upperclass des 18.Jahrhunderts zur gesellschaftlichen Unterhaltung Theater spielte, bringt Noble zur Ouvertüre eine Rahmenhandlung an, die um die historische Figur der Georgiana Cavendish, Herzogin von Devonshire, gruppiert ist. Hier spielt sie also mit Herzog, seiner Mätresse, ihrem Geliebten und anderen die Alcina: eine zeitliche Verankerung, die dem Ausstatter Anthony Ward erlaubt, Bühnenbild und Kostüme ganz dem Barocktheater nachzuempfinden.

Da reisen etwa die Retter in einer Montgolfière an, öffnet sich das Palais auf eine zaubergrüne Wiese hin, werden Baldachine getragen und Kissen drapiert, Tänze als Divertissement angeboten (Choreografie: Sue Lefton), illustrieren, verdoppeln und verdeutlichen nicht zuletzt Jean Kalmans virtuos-bunte Lichtspiele Händels subtile musikalische Stimmungsmalerei. Doch nur an wenigen Stellen birgt der doppelte Boden echten dramatischen Gewinn: etwa wenn der Herzogin kleiner Sohn nicht im Bett bleiben will und sich als Oberto in die Handlung mischt (der fabelhafte Wiener Sängerknabe Shintaro Nakajima singt die Partie mit imponierender Reife). Die meiste Zeit über jedoch bleibt die Doppelidentität der Figuren bedeutungslos, zieht sich Noble auf die sich selbst als Ersatzaufgabe gestellte Abbildung einer historischen Situation zurück.

Gut, wer Stimmen liebt, dem kann in diesen vier Stunden gar nicht langweilig werden – doch trägt diese vielfach wunderhübsch anzuschauende Inszenierung kaum zur Spannung des Abends bei. Bei einigem guten Willen allerdings ließe sich dieses Spiel im Spiel als Begründung dafür heranziehen, dass die Dame in der Rolle des verzauberten Ruggiero ihr Heil in outrierender Exaltation sucht: Vesselina Kasarova. Denn Hand aufs Herz: Abgesehen von eingefleischten Fans, die hörbar zahlreich anwesend waren, dürfte kaum jemand große Freude mit ihrer Leistung gehabt haben. Der immer wieder nahezu parodistisch anmutenden Tiefe fehlen Fülle und Wohllaut, dramatischer Aplomb gerät steif und hart, die Koloraturen tönen bleich. Hat sie die berühmten „Verdi prati“ auf ganz lyrisch-innige Weise zu beschwören, werden diese eher zu sauren Wiesen, wenn in klanglich disparaten Phrasen noch dazu einzelne Töne zu tief rutschen: nur ein vorübergehendes Formtief?

 

Monsterpartie für Harteros

Groß war da der Abstand zur noblen Piano-Intensität und klangvollen Wendigkeit von Anja Harteros, welcher bei der Monsterpartie der Alcina bis auf wenige Unsauberkeiten fast alles gelingt, aber auch zum vielleicht nicht üppigen, aber famos agilen Mezzosopran von Kristina Hammarström (Bradamante). Konzentriert, jedoch mit mancher Härte und ohne echte Brillanz die Morgana der Veronica Cangemi, neben der sich die beiden neuen Ensemblemitglieder Adam Plachetka (Melisso) und Benjamin Bruns Oronte) erste Sporen im Barock-Repertoire verdienen konnten; tadellos die kurze Chorpartie. Frenetischer Jubel.

Termine: 17., 20., 23., 26.11., Karten: 01/513 15 13.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2010)