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Türkei: Der Islam als neue Wunderwaffe

(c) AP (BURHAN OZBILICI, STF)
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Die Religion soll offenbar wieder stärker zum Mittel der Politik werden. Im Osten und Südosten des Landes, also in den mehrheitlich von Kurden bewohnten Gebieten, sollen 1362 neue Moscheen errichtet werden.

Istanbul. Die Türkei reibt sich nach dem überraschenden Rücktritt des Leiters der staatlichen Religionsbehörde, Ali Bardakoğlu, noch die Augen, da werden bereits neue Pläne mit ebendieser Behörde bekannt: Im Osten und Südosten des Landes, also in den mehrheitlich von Kurden bewohnten Gebieten, sollen 1362 neue Moscheen errichtet werden.

Doch damit nicht genug: Von der Religionsbehörde entsandte spezielle Teams für „religiöse Lenkung“ sollen laut der Zeitung „Milliyet“ mit religiösen Argumenten gegen „separatistische Strömungen“ agieren. Die Zeitung zitiert aus dem Etatentwurf der Behörde, dass die Teams innerhalb und außerhalb der Moschee eingesetzt werden sollen. Offiziell sollen sie „Irsat“ heißen. Das bedeutet so viel wie „rechte religiöse Lenkung“. Der Begriff hat einen gewissen Beigeschmack, denn im Iran gibt es ein Erschad-Ministerium, das für Presseangelegenheiten zuständig ist – und für die Geheimdienste.

Während sich die Pläne zum Moscheenbau auf den Osten beziehen, sollen die Irsat-Teams im ganzen Land eingesetzt werden. Das lässt die Frage aufkommen, ob sie wirklich nur kurdischem Separatismus vorbeugen sollen.

 

Zu liberal bei Kopftuchfrage?

Der Rücktritt des noch vom streng laizistisch gesinnten Ex-Präsidenten Ahmet Necdet Sezer eingesetzten Bardakoğlu war überraschend gekommen. Er selbst hat behauptet, dass er freiwillig gehe: Nach einer gewissen Zeit sei ein Wechsel normal. Doch die Amtszeit des Leiters der Religionsbehörde ist eigentlich nicht begrenzt.

Es könnte indes sein, dass Gerüchte stimmen, wonach Bardakoğlu bei der Regierung in Ungnade gefallen ist. Er hatte ihr nämlich jüngst den Gehorsam verweigert – ausgerechnet beim Prestigeprojekt von Premier Erdoğan für seine religiöse Wählerschaft: der Aufhebung von Restriktionen für das Tragen des islamischen Kopftuchs. Die Regierung wollte die Behörde offenbar dazu bringen, öffentlich Stellung zu beziehen. Bardakoğlu hatte dies abgelehnt: Dies sei nicht die Aufgabe seiner Behörde. Außerdem sagte er, das Tragen eines Kopftuchs sei zwar einerseits eine religiöse Verpflichtung, andererseits aber eine persönliche Angelegenheit. Bardakoğlu wandte sich immer gegen eine Funktionalisierung seines Amtes, er erließ nie eine politische Fatwa.

Sein Rückzug sieht nach mehr als einem normalen Wachwechsel aus: Religion soll wieder stärker zum Mittel der Politik werden. Damit kehrt die Türkei wieder zu Diskussionen aus der Mitte der 90er-Jahre zurück. Bereits damals empfahlen islamische Intellektuelle, die Kurdenfrage doch mit mehr Religion zu lösen, denn in der Religion gebe es keinen Nationalismus und mithin auch keinen Separatismus. Einer der lautesten Vertreter der These war damals der junge Bürgermeister von Istanbul. Sein Name: Recep Tayyip Erdoğan.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2010)