Wieso der deutsche Präsident den Handel ablehnen sollte, den Charlotte Roche ihm vorschlägt.
Sex gegen Geld, das kennt man: Dieser Austausch findet – in auffälliger Asymmetrie der Geschlechter – täglich millionenfach statt. Dennoch empfinden viele ihn als unmoralisch. Wobei die Höhe des Preises für diese Wertung keine Rolle spielen sollte. Das „unmoralische Angebot“, das Robert Redford im gleichnamigen US-Kitschfilm (1992) Demi Moore macht, wäre nicht mehr oder weniger unmoralisch, wenn er ihr statt einer Million Dollar nur zehn Dollar für eine Liebesnacht böte. Sie allerdings wäre dann doppelt empört: erstens weil er sie für käuflich, zweitens weil er sie für so billig hält.
Nun hat die deutsche TV-Moderatorin und Buchautorin Charlotte Roche dem deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff einen anderen Handel angeboten: Sie würde mit ihm ins Bett gehen, wenn er das Gesetz nicht unterschreibt, das längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke vorsieht.
Nicht Sex gegen Geld also, sondern Sex gegen eine – zumindest von Charlotte Roche und anderen Atomkraftgegnern – als moralisch empfundene Handlung. Als Belohnung also. Wenn sie schon ein Verhältnis mit dem Präsidenten hätte, könnte sie es machen wie die Frauen von Athen und Sparta in der „Lysistrate“ des Aristophanes: Sie könnte drohen, sich ihm zu verweigern, wenn er das Gesetz unterschreibt.
Das kann sie nicht. Sie kann ihm nichts entziehen, sondern nur etwas in Aussicht stellen. Dabei verlässt sie sich darauf, dass Wulff ihr nicht antworten kann, eine Nacht mit ihr sei weniger wert als die Verweigerung einer Unterschrift. Denn damit würde er sagen, dass ihm der vorgeschlagene Austausch prinzipiell gangbar scheine, nur...
Überhaupt kann man vor solchem Handel nur warnen. Man denke an Tosca, die Cavaradossi retten will, indem sie sich Scarpia hingibt. Am Ende sind zwei betrogen und alle drei tot.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2010)