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Der ökonomische Blick

Der neue Weltklimabericht: Was sind seine ökonomischen Aussagen?

Kenyan farmer Bernard Mbithi uproots a field he was growing maize in Kilifi county
Nicht nur auf Wirtschaftssektoren wie die Landwirtschaft hat der Klimawandel starke Auswirkungen.REUTERS
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Für das Verständnis des Klimawandels ist die Wirtschaftswissenschaft essenziell. Doch noch sind viele Fragen offen.

Die ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich bereits heute in vielen Sektoren, von Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Meeresfischerei, Energie- und Wasserversorgung, Tourismus, bis hin zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Industrie. Mit zunehmender globaler Erwärmung werden die Effekte von Hitze, Trockenheit, Extremniederschlägen und Überschwemmungen entlang von Küsten und Flüssen in vielen Teilen der Erde deutlich zunehmen, und so die Folgen für die Volkswirtschaft.

Der Weltklimarat evaluiert in seinem aktuellen Bericht 34,000 Quellen und beurteilt alle Hauptaussagen zu Klimafolgen und Anpassung hinsichtlich ihrer Verlässlichkeit. 270 Wissenschafter:innen aus 67 Ländern waren als Autor:innen beteiligt, 41% davon Frauen. Im Vergleich zu früheren Berichten waren neben Naturwissenschafter:innen deutlich mehr Sozial- und Wirtschaftswissenschafter:innen beteiligt. Macht diese stärkere Beteiligung der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, und insbesondere Ökonom:innen, einen Unterschied?

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Der Beitrag der Ökonomik

Die Anzahl der Auswirkungen, die dem Klimawandel zugeschrieben sind, ist seit dem fünften Sachstandsbericht 2014 substanziell gestiegen. Die sogenannte Impact-Attribution, also die statistische Wirkungszuordnung von Schäden zu klimatischen Ursachen, v.a. auch im Vergleich zu anderen Ursachen, hat in den letzten Jahren auch Einzug in der Ökonomie genommen. So ist die Anzahl der Studien, die den Zusammenhang zwischen globaler Erwärmung und Bruttoinlandsprodukt v.a. auf globaler Ebene untersuchen, deutlich gestiegen. Die Ökonomie liefert hier einen wichtigen Beitrag um aufzuzeigen, dass klimatische Änderungen nicht nur in direkt von Klimafaktoren abhängigen Sektoren wie Land- und Forstwirtschaft Schäden verursachen, sondern auch die gesamte Wirtschaftsleistung eines Landes schmälert.

Ökonom:innen haben auch wesentlich zum Verständnis beigetragen, dass sich die Folgen des Klimawandels über Sektoren und Landesgrenzen hinweg ausbreiten können. Auch wenn die Auswirkungen des Klimawandels zunächst lokal entstehen, pflanzen sich beispielsweise Unterbrechungen in der Lieferkette über Außenhandelsbeziehungen fort, wie die Thailandflut 2011 mit ihren Auswirkungen weltweit auf Computer- und Automobilindustrie deutlich machte.

Wo die Ökonomik Antworten offen lässt

Die aggregierten globalen Schäden sind eines der fünf „Gründe zur Besorgnis“ des aktuellen Weltklimaberichts, die bei einer globalen von Erwärmung von über 2°C mit einem hohen Risikoniveau beurteilt wird. Von Klimawissenschafter:innen und Entscheidungsträger:innen wird daher häufig die Frage gestellt: was kostet uns der Klimawandel? Und warum sind die abgeschätzten volkswirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel vergleichsweise niedrig, trotz der projizierten massiven Auswirkungen auf Natur und Mensch? Auf die erste Frage liefert der aktuelle Bericht, zumindest auf globaler Ebene, keine klare Antwort. In der Zusammenfassung für Entscheidungsfindung heißt es: es gibt zwar Evidenz, dass die aggregierten volkswirtschaftlichen Kosten des Klimawandels bei höherer Erwärmung zunehmen, und dass diese Kosten im Vergleich zu früheren Berichten nach oben revidiert wurden, aber es findet sich keine konkrete Zahl. Begründet wird dies damit, dass die zu Grunde liegenden Studien (zu) unterschiedliche Methoden verwenden, sodass daraus kein Mittelwert mit Konfidenzintervall abgeleitet werden kann.

Die Methoden sind durchaus unterschiedlich: Ökonometrische Modelle schätzen einen direkten Zusammenhang zwischen Temperaturanstieg und Bruttoinlandsprodukt und verwenden dann projizierte Temperaturanstiege und sozioökonomische Veränderungen um daraus zukünftige Änderungen im Bruttoinlandsprodukt abzuleiten. Während dieser Ansatz hervorragend geeignet ist, um den Nachweis der Folgen des Klimawandels auf die Wirtschaftsleistung in der Vergangenheit zu erbringen, fehlt ein Prozessverständnis über die Wirkungsketten. Das Verständnis der Wirkungskette ist aber wichtig, da es einen Unterschied macht, ob Hitze oder Niederschläge Produktionsstätten, die Produktivität von Arbeitskräften oder Lieferketten beeinflussen. Strukturelle Modelle, die auf Input-Output-Modellen und Handelsbilanzen basieren, bilden diese Wirkungsketten besser ab, sind aber von den in biophysikalischen Klimafolgenmodellen abgebildeten Prozessen abhängig. In der Regel ist diese Abbildung aber unvollständig, d.h. wir wissen von zahlreichen „known unknowns“ und deshalb kommen diese strukturellen Modelle zu geringeren volkswirtschaftlichen Kosten als die ökonometrischen Modelle.

Somit ist die Abschätzungen der volkswirtschaftlichen Schäden zu niedrig, weil die Extrapolation aus Schadenszusammenhängen in der Vergangenheit neue Einflusskanäle ignoriert und weil die abgebildeten Wirkungsketten in strukturellen Modellen unvollständig sind. Methodenübergreifende Modellvergleichsstudien und die Berücksichtigung von mehreren Beweislinien, wie sie in den Klimawissenschaften üblich sind, könnten hier die volkswirtschaftliche Klimafolgenforschung weiterbringen.

Was wir von den Sozialwissenschaften lernen können

Viel stärker als vorangegangene Berichte evaluiert dieser Bericht Lösungen: wie können sich der öffentliche und private Sektor und die Zivilgesellschaft an die Folgen des Klimawandels anpassen? Wo liegen Barrieren, welche Faktoren begünstigen die Machbarkeit von Anpassungsoptionen? Mehr als 100 Sozialwissenschafter:innen haben hier einen wesentlichen Beitrag geleistet, indem sie, parallel zum Bericht, alle verfügbaren Studien zur Anpassung an den Klimawandel systematisch erhoben und nach Sektoren, Klimarisiken und Regionen auswerteten. Diese Art von evidenzbasierter Evaluierung, wie sie beispielsweise in medizinischen Wissenschaften gängige Praxis ist, findet erst langsam Anwendung in der Ökonomie.

Fazit

Ökonom:innen sind essenziell für das Verständnis der wirtschaftlichen Folgen und Risiken des Klimawandels. Gleichzeitig bleiben sie bislang Antworten auf wichtige Fragen schuldig. Eine verstärkte disziplinäre Verschränkung über Methoden- und Schulengrenzen hinweg, genauso wie eine intensivierte interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Klima- and Klimafolgenwissenschafter:innen ist dringend erforderlich, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Zur Autorin:

Der neuste IPCC Sachstandsbericht zu Klimafolgen, Anpassung und Vulnerabilität wurde am 28. Februar 2022 veröffentlicht. Birgit Bednar-Friedl war Koordinierende Leitautorin von Kapitel 13 zu Europa. Sie ist Umweltökonomin an der Universität Graz, leitet den Wissenschaftlichen Beirat des österreichischen Klimarats und forscht zu den volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels.

Birgit Bednar-Friedl
Birgit Bednar-Friedl(c) Universität Graz/Tzivanopoulos

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