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Ukraine-Krieg

Russische Truppen nehmen AKW Saporischschja ein

Fotos vom Livestream des Atomkraftwerks in Saporischschja zeigen mehrere Detonationen.APA/AFP/ZAPORIZHZHIA NUCLEAR AUT
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Lokale Behörden berichten von der Eroberung des größten Atomkraftwerks Europas durch russische Truppen. Ein zuvor durch Beschuss ausgebrochenes Feuer wurde gelöscht. Der ukrainische Präsident wirft Russland „Nuklear-Terror“ vor.

Das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja ist nach Angaben einer regionalen Behörde von russischen Truppen eingenommen worden. Das Betriebspersonal überwache den Zustand der Kraftwerksblöcke, teilt die Behörde in sozialen Medien mit. Man wolle sicherstellen, dass der Betrieb in Europas größtem AKW weiterhin den Sicherheitsanforderungen entspreche.

Zuvor war es in der Nacht im größten Atomkraftwerk Europas durch russischen Beschuss in einem Schulungsgebäude am Gelände des Kraftwerks zu einem Brand gekommen. In den Morgenstunden vermeldeten der ukrainische Katastrophenschutz und das Innenministerium, dass der Brand gelöscht sei. Die Strahlungssicherheit des Kernkraftwerks sei gewährleistet, sagte der Direktor der Anlage laut Medienberichten.

Es habe dabei keine Toten oder Verletzten gegeben, teilte das ukrainische Innenministerium am Freitagmorgen auf Twitter mit. Gebrannt habe ein Trainingskomplex. Der ukrainische Zivilschutz teilte mit, bei den Löscharbeiten seien 44 Rettungskräfte im Einsatz gewesen.

Auf den Aufnahmen einer Überwachungskamera auf dem Youtube-Kanal des Kraftwerks stand gegen 2.30 Uhr Ortszeit (1.30 Uhr MEZ) ein Gebäude in Vollbrand. Auf den Aufnahmen waren auch Rauchwolken von anderer Seite zu sehen, außerdem immer wieder heftiger Beschuss. Kurz vor 4.00 Uhr Ortszeit (3.00 Uhr MEZ) gingen Homepage und Youtube-Kanal des Kraftwerks offline.

Bürgermeister: Lage „extrem angespannt“

Der Bürgermeister des in der Nähe liegenden Ortes Enerhodar bezeichnete die Lage als nach wie vor "extrem angespannt". "Wir empfehlen, zu Hause zu bleiben", schrieb Dmytro Orlow am Freitagmorgen auf der Messenger-App Telegram. Auf den Straßen sei es aber ruhig, es seien keine Ortsfremden da. Damit meinte er offenbar russische Truppen. "In der Nacht blieb Enerhodar während des Beschusses wegen Schäden an einer Leitung ohne Heizung." Nun werde nach Wegen gesucht, den Schaden zu beheben, schrieb er weiter. In der Früh habe es zunächst keinen Beschuss mehr gegeben.

Die in Wien ansässige Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) erklärte, nach Angaben der ukrainischen Nuklearaufsicht sei in der Umgebung des Kraftwerks keine erhöhte Radioaktivität gemessen worden; wesentliche Ausrüstungen seien verschont geblieben. Die Behörde forderte ein Ende jeglicher Kampfhandlungen rund um das Atomkraftwerk und warnte vor "ernster Gefahr", sollten Reaktoren getroffen werden. IAEA-Chef Rafael Grossi habe darüber mit dem ukrainischen Premier Denis Schmyhal gesprochen. Grossi habe appelliert, die Kämpfe einzustellen.

Klimaschutzministerium beruhigt

Für Österreich bestehe keine Gefahr durch den Brand, teilte das Klimaschutzministerium in der Nacht auf Freitag mit. Man habe "keine Meldungen über Schäden in wesentlichen Anlageteilen" erhalten. Es gebe "keine Freisetzung radioaktiver Stoffe und damit auch keine Auswirkungen außerhalb der Anlage". Derzeit sei von den sechs Reaktoren der Anlage nur Block 4 in Betrieb. Block 2 und 3 seien in der Nacht wegen des Angriffs heruntergefahren worden, die anderen drei Blöcke wegen Wartungsarbeiten nicht in Betrieb.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland "Nuklear-Terror" vor. Kein anderes Land der Welt habe jemals Atomanlagen beschossen, sagte Selenskyj in einer in der Nacht auf Freitag veröffentlichten Videobotschaft. "Der Terroristen-Staat verlegt sich jetzt auf Nuklear-Terror." Offenbar wolle Russland die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 "wiederholen".

Biden fordert zu Ende der Kampfhandlungen auf

US-Präsident Joe Biden forderte Russland seinerseits in einem Telefonat mit Selenskij auf, seine militärischen Aktivitäten in dem Gebiet um das Kernkraftwerk Saporischschja einzustellen. Durch die Kämpfe nahe des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja gefährdet der russische Präsident Wladimir Putin nach Meinung des britischen Premierministers Boris Johnson ganz Europa. Die "rücksichtslosen Aktionen" von Putin "könnten nun die Sicherheit ganz Europas direkt gefährden", sagte Johnson am frühen Freitagmorgen bei einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj.

Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba forderte ein umgehendes Ende des Beschusses. "Die Russen müssen SOFORT das Feuer einstellen, die Feuerwehr passieren lassen, eine Sicherheitszone einrichten", betonte er in der Nacht auf Freitag auf Twitter. "Falls es explodiert, wird es zehnmal größer sein als Tschernobyl!", warnte Kuleba.

Explosion wie in Tschernobyl unwahrscheinlich

Nuklearexperten hielten in ersten Einschätzungen allerdings eine Explosion wie im Atomkraftwerk Tschernobyl 1986 im Akw Saporischschja für unwahrscheinlich. "Keiner der Reaktoren in Saporischschja dürfte explodieren wie Tschernobyl es tat. Aber die Russen müssen vom Kraftwerk weg", schrieb die US-Nuklearwaffenexpertin Cheryl Rofer auf Twitter.

Der Nuklearexperte James Acton vom US-Thinktank Carnegie Endowment for International Peace sah in einer ersten Analyse vor allem das Risiko einer Kernschmelze, falls das radioaktive Material nicht weiterhin durchgehend gekühlt wird. "Ich nehme an, dass alle drei Reaktoren (die zuletzt von den sechs Blöcken des Kraftwerkes in Betrieb waren, Anm.) abgeschaltet wurden. In diesem Fall sind alle sechs Reaktoren von Stromversorgung von außen für die Kühlung abhängig", schrieb der britische Physiker auf Twitter. Ein Feuer könne die Verbindung zum Stromnetz bzw. zu Notstromaggregaten zerstören und dadurch die Kühlung stoppen. In diesem Fall könnte es zu einer Kernschmelze kommen, wie es 2011 im japanischen Akw Fukushima 2 nach einem Tsunami geschah, erinnerte Acton.

(APA/AFP/Reuters/dpa)