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Randerscheinung

Albtraum Schularbeit

Carolina Frank
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Aktuell formen wir Gleichungen um, isolieren Unbekannte und formulieren Lösungssätze.

Ich habe ja neulich schon erzählt, dass mir seit Längerem Träume mit Schul- beziehungsweise Uni-Bezug erspart geblieben sind. Das war nicht immer so. Also kein Aufwachen mehr mit dem Gefühl, es fehlt noch der eine Schein für den Magister, aber die Frist ist vorbei und keine Gnade im Dekanat in Sicht, oder eben mit dem Mathe-Schularbeits­klassiker, nichts gelernt, nichts ­verstanden, nur die Note, die das für mich ergeben wird, konnte ich immer ­verlässlich vorausberechnen.

Diese Träume los zu sein wäre ja erfreulich, wenn nicht dafür im echten Leben die Mathematik-Schularbeit wieder vor der Tür stände. Nein, nicht bei mir, aber beim Jüngsten eben. Und so sitzen wir gemeinsam über Gleichungen, Brüchen und Seiten-Seiten-Seiten-Sätzen. Und ich wiederhole mich, wenn ich das sage: Ich finde das Gymnasium richtig schwer und viel. Und möchte es wirklich nicht mehr machen müssen, wobei ich es ja irgendwie gerade doch wieder machen muss. Ein bisschen zumindest. Wenn überhaupt, ist das einer der wenigen Vorteile des fortschreitenden Alters bei mir, dass ich sehr genau sagen kann, was mich interessiert und was nicht. Konnte ich eigentlich immer schon, aber ich muss jetzt auch nicht mehr so tun als ob. Zumindest im nicht pädagogischen Kontext.

Dem Jüngsten würde ich auch gern sagen, er soll nur machen, was ihn wirklich interessiert. Dieses Sich-mit-Dingen-Gfretten-und-Abmühen hat keinen Sinn, wenn es doch so ­vieles gibt, bei dem es wie von selbst flutscht. Nur durchs Gymnasium kommt man mit dieser Einstellung nicht so gut. Also formen wir Gleichungen um, isolieren Unbekannte und formulieren Lösungssätze. Und wie immer, wenn man sich einen Ruck gibt, geht es irgendwann auch fast von selbst. Immerhin die zweitbeste Variante. 

("Die Presse Schaufenster" vom 4.3.2022)