Ein Rezeptor im Kopf von Borstenwürmern unterscheidet, ob er von Sonnenlicht oder vom Mond erhellt wird. Das steuert Rhythmen und hat ökologische Folgen.
Es klingt wie ein makabrer Schmäh: An der Küste von Neapel werfen Molekularbiologen Betonklötze ins Meer und versenken Sensoren wie „dead bodies“. Doch diese Methode hat nichts mit der Mafia oder „Betonpatschen“ zu tun, sondern dient der Grundlagenforschung. „30.000 Euro kosteten die Sensoren, die wir auf den Meeresgrund versenkten. Da wollten die Geldgeber wissen, ob wir nicht scherzen“, erzählt Kristin Teßmar-Raible, Professorin für Chronobiologie an der Uni Wien und in den Max-Perutz-Labs.
Auf vier, fünf und zehn Meter Tiefe nahmen die versenkten Sensoren über Monate hinweg präzise auf, wie viel Licht in welchem Spektrum dort ankommt. Ziel dieser Experimente ist, das Verhalten und die Zellmoleküle von „mondsüchtigen Würmern“ zu verstehen. Teßmar-Raible und ihr Mann, Florian Raible, haben sich vor über zehn Jahren auf den molekularbiologisch kaum erforschten Borstenwurm Platynereis dumerilii spezialisiert, weil der seine Fortpflanzung an einen auffälligen Rhythmus anpasst: Die kleinen Wesen, die aussehen wie Regenwürmer mit vielen Beinchen, steigen nach dem Vollmond vom Meeresboden hinauf an die Wasseroberfläche und treffen sich zu Massenpaarungen. Ei- und Samenzellen werden ins Meerwasser abgegeben, die befruchteten Eier sinken zu Boden. „Es hat uns schon lang interessiert, wie diese Würmer das Mondlicht wahrnehmen und mit welchen Mechanismen das Verhalten gesteuert wird“, sagt Teßmar-Raible, die am 9. März den Ignaz-L.-Lieben-Preis, die älteste und die höchstdotierte Auszeichnung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, erhält.