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Wiener Neustadt

Burgenland – USA und retour

Ein Drama der Auswanderer (v. li.): Anna Maria Krassnigg, Niko Lukic und Nina C. Gabriel
Nach Chicago! (Von links): Anna Maria Krassnigg, Niko Lukic und Nina C. GabrielLudwig Drahosch
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Aus dem Roman „Chikago“ wurde beim Festival „wortwiege“ ein Drama gemacht: Die Spannung liegt in der Reduktion.

Was ist der Unterschied zwischen Chicago und Chikago? Mit „c“ schreibt sich eine der größten Städte in den USA, mit „k“ ein Ortsteil von Kittsee. Ein Amerika-Burgenländer soll nach seiner Rückkehr dorthin den Namen angeregt haben. „Chikago“ ist aber auch der Titel eines Romans von Theodora Bauer. Sie thematisiert darin das Schicksal jener ihrer Landsleute, die vor drei, vier Generationen ausgewandert sind – aus Not zumeist, aber auch aus Abenteuerlust.

Dieser Roman wurde nun beim Festival „wortwiege“ in den Kasematten von Wiener Neustadt dramatisch umgesetzt. Intendantin Anna Maria Krassnigg führt Regie und spielt auch selbst mit, sie verkörpert so wie Nina C. Gabriel und Niko Lukic mehrere Figuren des Romans. Die werden nur flüchtig skizziert. Die Beteiligten sitzen schwarz gekleidet frontal zum an einer Längsseite im Saal platzierten Publikum, an einem langen Tisch mit Requisiten wie einem Globus, einer Handpuppe, Hüten, Silbergeschirr, Fotoalben . . . Im Hintergrund ist eine Silhouette mit Wolkenkratzern inklusive Freiheitsstatue angebracht. Dort wollen und kommen die drei Protagonisten auch hin.

Im Vergleich zum Roman werden die Charaktere stark zugespitzt. Ein Verbrechen und eine ungewollte Schwangerschaft sind das auslösende Moment dafür, dass Katica, Anica und Franjo sich in den Zwanzigerjahren in die USA absetzen. Ihre große Hoffnung wird nicht erfüllt. Gewalt, Schwangerschaft, Trunksucht und noch mehr Unglück werden durchlebt, ehe Anica mit ihrem Neffen Joe 1937 in die alte Heimat zurückkehrt. Wie geht es dort weiter? Minderheiten werden wie gehabt verfolgt, vor allem die Roma. Vorm Zweiten Weltkrieg nimmt die Verrohung allgemein zu.

 

Ein Hörspiel mit Hackbrett

Wie wird gespielt? Die Akteure blicken in ihre Textbücher, als hätten sie Leseprobe. Aber das gehört zum Spiel, so wie die Statik des Bühnenbilds (Lydia Hofmann) gewollt ist. Das Agieren hat man stark reduziert, Intensität wird durch Sprache und Mimik erzielt. Gabriel gelingt es hervorragend, minimalistisch verschiedenste Charaktere auf die Bühne zu zaubern. Krassnigg gibt ihren Parts Farbe, auch Melodramatik. Lukic ist am besten, wenn er jugendliche Frische ausstrahlt. Die eineinhalbstündige Aufführung hat den Effekt eines höchst spannenden Hörspiels. Zu dieser Stimmung trägt auch Christian Mairs Musik bei. Am Rande des Saals werkt er auf einem Hackbrett. Wäre „Chikago“ ein Film, würde man sagen, die Schauspieler gibt es im Close-up zu sehen. Sie gehen einem nah. (norb)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2022)