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International Women´s Day Marked With Rallies And Protests Across The Country
Frauentag

Frauen, Flinta*, Feindbilder: Worüber am 8. März debattiert wird

Was brauchen wir am Frauentag? Oder: Brauchen wir den Frauentag überhaupt? Die „Presse“ hat mehrere Autorinnen um ihre Einschätzung gebeten.

Ausgerechnet in Russland ist der heutige Frauentag ein großer Feiertag, eine Art Mischung aus Mutter- und Valentinstag, bei den Frauen mit Blumen, Pralinen oder Schmuck beschenkt werden. Heuer rief das Team des inhaftierten Kremlkritikers Alexej Nawalny die russischen Frauen dazu auf, auf die Straßen zu gehen. "Frauen verschwinden nicht, wenn der Krieg beginnt", sagte Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch. "Sie tragen im Krieg eine genauso große Last wie Männer – wenn nicht sogar eine größere."

Die großen Krisen und Herausforderungen unserer Zeit – vor allem die sich zuspitzende Klimakrise – können ohne forcierte Gleichstellung kaum bewältigt werden,

Margit Schratzenstaller

Aber zurück nach Österreich, wo anlässlich der schrecklichen Vorgänge in der Ukraine die Coronapandemie wohl viele in einem etwas anderen Licht sehen werden. Dass die Frauen aber auch in der Pandemie eine „große Last“ getragen haben, lässt sich aber nicht von der Hand weisen. Darüber schreibt auch Ökonomin Margit Schratzenstaller in einem „Presse“-Gastkommentar: „Frauen ist der überwiegende Teil der zusätzlichen unbezahlten Arbeit während der Lockdowns sowie der Kindergarten- und Schulschließungen zugefallen. Sie sind überdurchschnittlich in jenen Berufen repräsentiert, in denen die Arbeitsbedingungen schon vor Corona belastend waren, sich in der Krise jedoch noch einmal deutlich verschlechtert haben: Dies betrifft vor allem die Bereiche Krankenpflege, Altenpflege und Kinderbetreuung. Nicht selten wurden Frauen in ihrer Karriere zurückgeworfen, sei es in der Privatwirtschaft oder in der Wissenschaft.“ Das könne schwerwiegende folgen haben, denn: „Die großen Krisen und Herausforderungen unserer Zeit – vor allem die sich zuspitzende Klimakrise – können ohne forcierte Gleichstellung kaum bewältigt werden. So ist zur Umsetzung der angestrebten grünen Transformation das Humankapital der Frauen kaum verzichtbar."

Die Themen der Frauen werden zu „Frauenthemen“ gemacht und damit als irrelevant, weil privat und klein, abgetan.

Tanja Raich

Für die Autorin Tanja Raich ist vieles verzichtbar, das sie als Frau erlebt: „Ich könnte mit den Femiziden anfangen oder dem Hass im Netz, damit, dass die Pandemie den Gleichberechtigungsgraben wieder vergrößert hat, dass in den Spitzenpositionen (auch in der Buchbranche!) fast ausschließlich Männer sitzen [...] Frauen bekommen weniger Platz: auf Gehsteigen und Schwimmbahnen (wie oft bin ich in meinem Leben schon Männern ausgewichen?), ihre Bücher werden weniger besprochen und ihre Themen werden zu 'Frauenthemen' gemacht und damit als irrelevant, weil privat und klein, abgetan. Frauen werden auf ihr Äußeres reduziert, in allem bewertet, was sie machen, sie werden unterbrochen oder kommen gar nicht erst zu Wort, sie werden nicht ernst genommen und lächerlich gemacht: und als Nachsatz auf diese Aufzählung käme jetzt wohl noch der Vorwurf der Übertreibung.“ Den gesamten Gastkommentar, in dem sie eine Beschäftigung mit anderen Gesellschaftsformen fordert, lesen Sie hier.

Würde es diesen 8. März nicht geben, ich könnte glatt vergessen, dass ich nicht zu den Penisträgern dieser Erde gehöre.

Anna Schneider

Auch die Journalistin Anna Schneider, „Chefreporterin Freiheit“ bei der deutschen Tageszeitung „Die Welt“, haben wir gebeten, einen Text zum Frauentag zu verfassen. Sie schreibt: „Eigentlich sollte ich diesen Text nicht schreiben. Eine Frau erzählt am Weltfrauentag etwas über den Weltfrauentag. Würde es diesen 8. März nicht geben, ich könnte glatt vergessen, dass ich nicht zu den Penisträgern dieser Erde gehöre.“ Einen Text hat sie dann aber doch geschrieben. Darin erklärt sie unter anderem, warum sie sich nicht als Feministin bezeichnet und warum sie für Gleichberechtigung, aber gegen Gleichstellung ist. Mehr dazu lesen Sie hier: „Das Feindbild Mann ist zu praktisch".

Während Neofeministinnen sich um die Beliebtheitswerte von Flinta* kümmern, knüpfen die Old & Young Boys ihre Netzwerke und machen einander die Räuberleiter in die Chefetagen.

Andrea Schurian

Querschreiberin Andrea Schurian befasst sich in ihrer aktuellen Kolumne mit Alt- und Neofeminismus und der Diskussion rund um Begrifflichkeiten: „Während Neofeministinnen sich um die Beliebtheitswerte von Flinta* (Hetero-Cisfrauen, Lesben, Inter- und nicht binäre, Transgender- und Agender-Menschen plus * für alle, die sich nicht angesprochen fühlen) kümmern, knüpfen die Old & Young Boys ihre Netzwerke und machen einander die Räuberleiter in die Chefetagen“. Auch Journalistin Nunu Kaller kritisiert in einem Gastkommentar, dass unterschiedliche Strömungen im Feminismus heftig streiten. Denn der Gewinner sei immer das „Patriarchat": „Es gibt seit Jahren Untersuchungen, dass sich Frauen im Netz durch die Aggressivität von Männern schneller aus Debatten zurückziehen und verstummen. Es ist eine mehr als nur unangenehme Beobachtung, dass Frauen das inzwischen unter ihresgleichen erledigen, denn die Konsequenz ist: Frauen werden nicht mehr gehört.“

In Amerika treffen sich Mütter, um zu schreien, denn es hat sich einiges angestaut, mehr als Schreien scheint auch dort nicht mehr möglich zu sein.

Manuela Vollmann


Das führt zu einer Frage, die sich Manuela Vollmann stellt, Gründerin der Organisation ABZ Austria, die sich für Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt einsetzt: „Warum gibt es keinen Aufstand, warum keine großen Demonstrationen?“ Sie schreibt: „Frauen sind erschöpft, haben keine Kraft für große Proteste. In Amerika treffen sich Mütter, um zu schreien, denn es hat sich einiges angestaut, mehr als Schreien scheint auch dort nicht mehr möglich zu sein.“ Dabei würden sich Geschlechterstereotypen negativ auswirken – auf Frauen, Männer und die Wirtschaft. Mehr dazu lesen Sie hier.

Haus- und Care-Arbeit gelten immer noch als eine private Angelegenheit und nicht als Arbeit.

Evke Rulffes

Mit den historischen Wurzeln der jetzigen Situation beschäftigt sich die Sozialwissenschaftlerin und Autorin Evke Rulffes. Sie schreibt in der „Presse" über die Geschichte der Liebesheirat, dem Ideal der “guten Mutter“ und Hausfrau. Auch wenn die Hausfrauenehe juristisch längst abgeschafft wurde, sei sie noch fest in unseren Köpfen verankert, meint sie: „Haus- und Carearbeit gelten immer noch als eine private Angelegenheit und nicht als Arbeit, für Staat und Arbeitgeber ebenso wie im öffentlichen Bewusstsein. Unser Wirtschaftssystem profitiert ja auch sehr gut von der unbezahlten Arbeit der Mütter, ebenso wie von der Ausbeutung der Menschen, die in Pflege-, Bildungs- und Reinigungsberufen tätig sind. Das muss sich ändern.“

(sk)