Der isländische Regiestar Thorleifur Örn Arnarsson bringt im Burgtheater Shakespeares „Sturm“ auf die Bühne.
Schon mit acht Jahren stand er als Statist in „Peer Gynt“ auf der Bühne im Isländischen Nationaltheater in Reykjavík. Im Kragen seines Kostüms fand er zufällig den Namen seines Vaters. Auch der hatte schon die Rolle gespielt. Für Thorleifur Örn Arnarsson (43) hätte gar kein Weg am Theater vorbeigeführt. Sein Vater war Schauspieler am Isländischen Nationaltheater, seine Mutter Hausregisseurin. Jetzt ist er selbst dort Hausregisseur – nach Stationen in Wiesbaden und als Schauspieldirektor der Volksbühne Berlin. Etwas anderes als das Theater hätte er aber gar nicht gewollt. Auch wenn er sich für alles interessiert – von Wirtschaft über Politik bis zu Artificial Intelligence. Wirtschaftliche Mechanismen als Grundlage gesellschaftlicher Strukturen sind für ihn ein zentrales Thema.
„Die Ökonomie –das sind die tektonischen Platten unserer Gesellschaftsordnung. Eigentlich bin ich am Theater ein Quereinsteiger. Ich habe ursprünglich für die isländische Regierung gearbeitet, habe während der Finanzkrise Reden geschrieben“, so Arnarsson. Doch das Theater zog ihn immer wieder zurück. „Das Theater ist ein sehr ansteckender Ort. Vielleicht war mir auch die Realität zu real.“
Wie unterschiediche Welten gleichzeitig existieren, hat Arnarsson gerade zu Beginn der Coronakrise erlebt. „Ich war gerade in Österreich Ski fahren, als Island die Alpen zum Hochrisikogebiet erklärt hat. Und vor der Tür sind die Menschen Ski gefahren. Da fragt man sich schon: Was ist Realität, was Narration?“
Corona hat ihn jedenfalls wieder in seine Heimat Island zurückgebracht. „Als Regisseur hat man ja ein Seefahrerleben. Corona hat das Reisen eingeschränkt. Jetzt mache ich weniger und besinne mich aufs Wesentliche. Das tut mir gut.“ Zum Wesentlichen gehört für ihn auch das Burgtheater in Wien. Hier inszeniert Arnarsson gerade Shakespeares „Sturm“, es ist nach der „Edda“ (2019) seine zweite Regiearbeit am Haus.
Selbstfindung
Wieso hat er gerade dieses Stück gewählt? „Es ist das Stück von Shakespeare, das in einer verrückten Welt stattfindet. Daher passt es zur jetzigen Zeit. Der ,Sturm‘ ist weder Tragödie noch Komödie, sondern beides zugleich. Corona ist keine Zeit für unfassbare Dunkelheit. Die Kraft des Theaters sollte im Vordergrund stehen. Wenn man aus dem Theater kommt, sollte man einen Tick reicher sein. Man sollte aber auch lächeln können, sich vergessen. Daher ist mir der musikalische und der komödiantische Anteil in der Inszenierung sehr wichtig.“
Die Tabula-rasa-Situation auf der Insel der Schiffbrüchigen verspricht die Chance auf einen Neubeginn. Grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens müssen neu verhandelt werden. Das Gefühl der Verwirrung führt die Menschen im Stück zu sich selbst.
Auch Prospero will, dass die Menschen zu ihrem wahren Selbst finden. „Aber die Mittel, die er dazu benutzt, sind aus den Werkzeugen der alten Welt. Das kann man als Kapitulation sehen“, so Arnarsson. Hier sieht er auch die Parallele zur Gegenwart. Corona hat alles auf den Kopf gestellt. Es besteht die Möglichkeit zur Erneuerung. Doch oft ist zu hören: Wir wollen zurück zur Normalität! Die Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit der Veränderung ist das Thema von Shakespeare. „Dabei stehen Riesenthemen an: die globale Erwärmung oder die Güterverteilung.“ Auch die Demokratie kämpfe ums Überleben, wir hätten sie zu lang als selbstverständlich hingenommen, meint der Regisseur. „Die Coronakrise ist wie ein Vergrößerungsglas, das Risse in unserer Gesellschaft aufzeigt.“
Das Theater sei einer der letzten Orte, um gemeinsam zu reflektieren.
Und Shakespeare biete sehr viel Anstoß dazu. „Es ist eines der großen Mysterien, dass wir sehr wenig über Shakespeare wissen. Aber es ist ziemlich sicher sein letztes Stück.“ Arnarsson hat sich viel mit dem Dichter auseinandergesetzt, zahlreiche Stücke auf die Bühne gebracht. „Daher weiß ich: Unter jedem Stein ist ganz viel zu entdecken.“ Die Magie des Stoffes liege zu einem großen Teil in dem, was nicht gesagt wird. „In dem, was geträumt wird oder was tief in uns drinnen ist.“
Wird es eine Insel geben? Ein Schiff? Einen Sturm? „Was ist eine Insel im Theater? Theater funktioniert nur über Metaphern. Anders als alle anderen gesellschaftlichen Orte ist das Theater gebaut, um einen leeren Raum zu konstruieren, einen Reflexionsraum. Es ist daher schon eine Insel an sich.“ Das Bühnenbild macht Elín Hansdóttir, sie ist bildende Künstlerin, deren Schwerpunkt darauf liegt, die menschliche Perspektive zu manipulieren. „Sie ist daher genau die Richtige für das Stück.“ Denn Arnarsson glaubt an die Macht der Illusion, der Poesie, der Musik und der Bilder. Historische Elemente des Wettermachens wird es geben, aber wieso wurden die Schiffbrüchigen nicht nass? Fand der Sturm etwa nur in ihren Köpfen statt?
Mensch und Natur
Für die Livemusik auf der Bühne sorgt Gabriel Cazes, den Komponisten, Sänger und Multiinstrumentalisten hat Arnarsson vor zwölf Jahren in einem Café in Barcelona kennengelernt, schon bei der „Edda“ hat die musikalische Gestaltung für Furore gesorgt. Die Kostüme stammen von Karen Briem, sie wurden während der Proben aus alten Kostümen genäht. Upcycling und Nachhaltigkeit sind auch Themen, die den Regisseur beschäftigen. „Die Strukturen der ständigen Produktion sind schon zu hinterfragen, und der Umgang mit Ressourcen wird auch am Theater auf uns zukommen.“
Um die Beziehung zwischen Mensch und Natur geht es auch im nächsten großen Projekt des Isländers. Gemeinsam mit seiner Frau, der bildenden Künstlerin Anna Rún Tryggvadóttir, kuratiert er eine Dauerperformance für die Documenta 15 in Kassel: „Temple of Alternative Histories“ (UA), ein großes, alle Sparten einbeziehendes Projekt mit 200 Künstlern, in dem auch der Götterdämmerungsgedanke aus Wagners „Ring“ und die „Edda“ eine Rolle spielen werden (Premiere: 9. Juli 2022).
Tipp
„Der Sturm“. Premiere: 12. März, Burgtheater. Mit Michael Maertens, Dietmar König, Maria Happel, Florian Teichtmeister, Mavie Hörbiger u. a. www.burgtheater.at