Überall wird Putins Charakter gedeutet. Ist das ein Revival der Idee, dass die Geschichte vor allem von „großen Männern“ bestimmt werde? Ein Versuch über die Macht. Und ein Plädoyer für (neue) Königsdramen.
Wladimir Putin sei „ein zutiefst zynischer, aggressiver, autoritärer Geist“, urteilte „Die Zeit“. Das „FAZ“-Feuilleton attestierte seiner Erscheinung „botoxische Virilität“, und „Der Standard“ meditierte über Putins „traurige Augen“, die „der Weltöffentlichkeit seit geraumer Zeit Rätsel aufgeben“. Schon lang nicht mehr haben so viele Kommentatoren so viel über das Äußere und Innere eines einzigen Mannes gerätselt. Putins Psychopathologie – oder gar seine Physiologie – als zentrale Triebkraft der brutalen, tragischen Geschichte, die sich in der Ukraine abspielt?
Im Grunde entspricht diese Sicht dem Geschichtsbild, das der schottische Philosoph Thomas Carlyle 1840 so formulierte: Die Geschichte der Welt sei die Biografie großer Männer. Zumindest auf Kinder des späten 20. Jahrhunderts mag dieses Geschichtsbild zutiefst altväterlich wirken. Auf Herrscher fixierte Historie, „his story“, wie reaktionär ist das denn? Schnell fallen einem Bert Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ ein: „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ Oder der Song „Not Great Men“ (1979) der britischen Post-Punk-Band Gang of Four, der die Ablehnung einer herrscherzentrierten Geschichte in einen knappen Slogan fasste: „Not by great men.“