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Amanshausers Album

Von psychoaktiven Tornados

Regelmäßig fegen Wirbelstürme über die großen Ebenen dahin. Hier: Endzeitstimmung bei Oklahoma City.
Regelmäßig fegen Wirbelstürme über die großen Ebenen dahin. Hier: Endzeitstimmung bei Oklahoma City.Reuters
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Wenn der Wind am stärksten bläst, möchte man sich am liebsten das linke Ohr abschneiden.

Manche glauben, eine Auseinandersetzung mit seinem Kollegen Gauguin sei der Auslöser dafür gewesen, dass Vincent van Gogh (1853–1890) sich am 23.12.1888 mit der Rasierklinge jenes Ohrstück abschnitt, das er am nächsten Tag in psychotischem Zustand einem Bordellportier mit den Worten „Nimm, es wird dir nützlich sein!“ übergeben haben soll. Andere halten den Künstlerstreit höchstens für eine Nebenursache – der Schuldige sei der irrsinnige Nordwest-Mistral in Arles, der psychoaktiv verstümmelungsfördernd wirke.

Arles mit seinem lebensfeindlichen Wind inspirierte Van Gogh jedoch auch zu zwei seiner bekanntesten Bilder, dem Billardtisch-„Nachtcafé“ und der gelben „Caféterrasse am Abend“. Der Ohrabschneid-Mistral, der Sensiblen kategorisch den Nerv zieht, auf den Gemälden als wabernde Metapher sichtbar, ist ein stinknormales südfranzösisches Extremwetter. Das Windsurfparadies Gruissan, ein Stück weiter westlich, bietet noch den Défi-Wind. Bei diesem Starkwind und dem dazugehörigen Surffestival legen die Teilnehmenden ihre Ohren an.

Vielerorts stürmt dieser Planet entsetzlich. Nicht nur den Donauraum samt Metropole schätzen wir für sein Gebläse. Der Mount Everest, wegen seiner schieren Höhe in den Jetstream hineinreichend, ist ein spektakuläres Windloch, ebenso wie der Mount Washington in den White Mountains (New Hampshire, USA) mit seinem lang gültigen tornadobereinigten Weltrekord (372 km/h, 1934). An über hundert Tagen jährlich blasen dort orkanartige Windstärken von über 120 km/h.

Auch die Antarktis zieht eisigen Sturm an, denn dort fehlen luftbewegungsbremsende Landmassen – Fallwinde mit 250 km/h jagen eine gegen den Ozean hin dünner werdende Eisschicht hinab.

Van Gogh hätte hier wohl eine „weiße Phase“ durchlebt. Eine Frage stellt sich bei diesem Gedankenexperiment: Welchen Körperteil hätte der Holländer sich abgeschnitten, wenn er seine Bilder auf der mittlerweile den Windweltrekord haltenden westaustralischen Insel Barrow gemalt hätte? 2010, während des Zyklons Olivia, wurden dort an die 408 Stundenkilometer gemessen.

("Die Presse Schaufenster" vom 04.03.2022)