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Ukraine-Krieg

Die verzweifelte Lage in Mariupol

Satellitenbilder zeigen ein zerstörtes Einkaufszentrum in Mariupol.(c) via REUTERS (MAXAR TECHNOLOGIES)
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Seit Tagen ist die ukrainische Hafenstadt bereits eingekesselt - ohne Strom, Wasser, Medikamente und ausreichend Nahrung. Augenzeugenberichte zeugen von der verzweifelten Lage: „Mariupol ist die Hölle.“

„Informationsterrorismus“, „Fake News“. „Völkermord“, „Lügen“. Mit wüsten Vorwürfen bombardieren sich die Führung in Moskau und die Regierung in Kiew: In dem am Mittwoch von russischen Truppen bombardierten Kinderspital in Mariupol befand sich ein Lager ultraradikaler Kämpfer, heißt es aus dem Kreml. Die Ukraine hingegen verurteilt den Angriff auf das Krankenhaus, bei dem mehrere Menschen verletzt worden seien, als Höhepunkt an „neun Tagen Genozid an der Zivilbevölkerung“ in der Hafenstadt im Südosten des Landes.

Seit mehr als einer Woche schon ist die 400.000-Einwohner-Stadt eingekesselt. Auf der einen Seite durch prorussische Separatisten, auf der anderen Seite durch die Truppen, die von der von Russland annektierten Halbinsel Krim eingefallen sind. Ununterbrochen hielten die Angriffe auf zivile Infrastruktur in der Stadt an, sagte Vizebürgermeister Serhyi Orlow am Mittwoch gegenüber Journalisten. „Mit allen erdenklichen Waffen“ werde die Stadt attackiert. 1170 Zivilisten seien bereits gestorben. Alleine 47 seien am Mittwoch begraben worden.

"Die Presse"-Grafik.

Tagelang ist die Stadt nun schon ohne Strom, Gas oder Wasserversorgung. Ohne Medikamente, ohne gesicherten Kontakt zur Außenwelt und ausreichend Nahrungsmitteln. „Die einzige Möglichkeit für Zivilisten zu kochen, ist am offenen Feuer“, sagte Orlow. „Sie sind froh, wenn es schneit und kalt ist. Der Schnee bedeutet, dass es etwas zu essen gibt.“ 

Menschen hoffen auf Hilfskorridor

„Mariupol ist wie Armageddon, es ist die Hölle“, zitiert das Hilfswerk „Kirche in Not“ einen Priester, dem mit einigen Bewohnern der Stadt diese Woche die Flucht gelang. Menschen, die sichere Verstecke verließen, um Wasser holen zu gehen, seien gestorben. „Es ist wie Selbstmord, wenn jemand in Mariupol auf die Straße geht“, sagt er. Die Stadtverwaltung hat daher abgepacktes Wasser an Frauen und Kinder verteilt. Auch Milchpulver für Säuglinge werde rar, sagt der stellvertretende Bürgermeister Orlow.

Auch die Bilder von zwei in Mariupol eingekesselten Journalisten, Mstyslav Chernov von der Nachrichtenagentur AP und Evgeny Maloletka von der Nachrichtenagentur AFP, zeugen von der verzweifelten Lage. Die Fotos zeigen schwarze Rauchschwaden über der Stadt, zerschellte Häuserfassaden, Schwangere, die aus dem am Mittwoch völlig zerstörten Spital flüchten, blutüberströmte Helfer, verletzte Kinder, für die im Krankenhaus jede Hilfe zu spät kommt, Massengräber. Die Lage werde immer schlimmer, schreibt Maloletka auf Facebook. Er berichtet von „chaotischen Angriffen“ und überfüllten Unterschlüpfen, in denen es nichts zu essen gebe.

Ähnliches berichtet Chernov auf der Plattform: „Menschen rauben Geschäfte aus, Leichen liegen auf der Straße, und niemand kann sie bergen. Alle warten auf den grünen Korridor, aber es scheint in naher Zukunft unmöglich zu sein. Wir halten durch.“ Alle Versuche, einen humanitären Korridor für die rund 200.000 Menschen, die laut Regierungsangaben das Gebiet verlassen wollen, zu errichten, scheiterten. Russland und die Ukraine schieben sich gegenseitig die Schuld für das Scheitern der lokalen Waffenpausen zu. Am Donnerstag sollte ein neuer Versuch gestartet werden - auch er schlug fehl.