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Vadim und ich

Ich sagte: "Den Russen übernehme ich"

Ukraine 1990. Gelateria auf Sowjetart.
Ukraine 1990. Gelateria auf Sowjetart.Sygma via Getty Images
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Wie Vadim aus dem Donbass als ukrainischer Flüchtling in mein Leben stolperte, warum ich ihm fast eine Welt verdanke und er eines Tages mit 20 Uhren zu mir kam: Über eine Begegnung vor 30 Jahren und Migration als Win-win-Situation.

Ob Vadim noch lebt? Ich weiß es nicht. Ich muss auch zugeben, dass ich mich nicht besonders bemüht habe, es herauszufinden. Zuletzt haben wir irgendwann in den Nullerjahren telefoniert, also vor zwölf, eher 15 Jahren. Das Telefon, an dem ich ihn damals erreicht hatte, nahm er später, als ich vor etwa sieben Jahren anrief, nicht mehr ab. Ehrlich gesagt kam mir damals der Gedanke, es könnte sein, dass er nicht mehr lebt. Die Frau, die am anderen Ende der Leitung antwortete, wusste nichts von ihm. Dabei war es die Festnetznummer seines Hauses, das er sich schon vor 35 bis 40 Jahren zu bauen begonnen hatte.

Vadim stammte aus einer Kleinstadt in der Nähe der ostukrainischen Industriehauptstadt Donezk – dort, wo seit 2014 der Separatistenkonflikt Tausende Menschenleben forderte, ehe am 24. Februar nun überhaupt der Ukraine-Krieg ausbrach. Vadim ist oder war also ukrainischer Staatsbürger. Wir aber haben ihn immer als Russen geführt. Damals, knapp vor dem Zerfall der Sowjetunion 1991, als ich ihn kennengelernt habe, haben wir im Westen noch nicht so sehr zwischen Ukrainern und Russen unterschieden. Und aus seinen Aussagen bzw. Nichtaussagen darüber war nicht zu schließen, dass man das im Osten tat.

Um den Leser nicht auf eine falsche Fährte zu führen: Ich krame diese Erinnerungen jetzt nicht hervor, weil ich angesichts des Krieges einen kulturologischen Beitrag leisten will. Eigentlich wollte ich diese Zeilen schon vor Jahren zu Papier bringen, um anekdotisch zu schildern, wie Migration eine Win-win-Situation sein kann, wenn beide Seiten mit einem gesunden Egoismus handeln. Nehme ich mir halt jetzt die Zeit.