Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wort der Woche

Neon

Der Ukraine-Krieg bringt auch die Versorgung der globalen Halbleiterindustrie mit Neon durcheinander – ein weitgehend unbekanntes Erbe der sowjetischen Industriepolitik.

Die Invasion russischer Truppen in die Ukraine verursacht nicht nur Zerstörung, Tausende Tote, unsägliches Leid und die größte Flüchtlingswelle seit Langem, sondern bringt auch die globalen Lieferketten völlig durcheinander. Der Complexity Science Hub Vienna illustrierte dies jüngst an einem Beispiel, wonach Lieferausfälle von ukrainischen Agrargütern die Eierproduktion in Portugal um ein Fünftel einbrechen lassen könnten. Solche Probleme betreffen viele Branchen. Etwa Mikrochips: Zur Herstellung feinster Strukturen auf Silizium-Wafern werden Neonlaser benötigt. Und die Ukraine ist der weltweit wichtigste Lieferant von Neon.

Das hat historische Gründe: In der ehemaligen Sowjetunion wurden bei Hochöfen stets auch Luftverflüssigungsanlagen errichtet – zwecks Bereitstellung von bei der Stahlproduktion benötigten hochreinen Gasen. Die verflüssigte Luft (die neben Stickstoff und Sauerstoff auch 0,93 Prozent Argon, 0,04 Prozent CO2, 0,0018 Prozent Neon, 0,00052 Prozent Helium, 0,00018 Prozent Methan, 0,00011 Prozent Krypton usw. enthält) wird durch fraktionierte Destillation – also gemäß der Siedepunkte – in ihre Bestandteile zerlegt. Nach dem Abscheiden der Massenbestandteile bleibt ein edelgasreicher Rest übrig, der für die weitere Auftrennung zu Spezialanlagen transportiert wird. Diese wurden in der UdSSR (wohl aus Gründen der Logistik) an der Schwarzmeerküste errichtet. Sie sind bis heute als einige von weltweit ganz wenigen Fabriken imstande, Neon in höchster Reinheit (99,999 Prozent) zu liefern. Der Ausfall dieser Produktionsstätten treibt nun der Mikroelektronikindustrie in den USA, China, Taiwan, Japan, Korea und Europa die Sorgenfalten auf die Stirn. Ansonsten halten sich die Anwendungsgebiete des chemisch sehr reaktionsträgen Edelgases Neon stark in Grenzen. Am wichtigsten sind Leuchtstofflampen („Neonröhren“), die aber angesichts des Siegeszugs von LED-Leuchten rapide an Bedeutung verlieren. Eingesetzt wird Neon bisweilen auch (im Gemisch mit Sauerstoff) als Tauchgas für große Tiefen und als Kältemittel mit sehr hoher Kühlleistung. Aber das war's dann auch schon.

Neonfarben, die z. B. in der Mode immer wieder aufpoppen oder in Textmarkern eingesetzt werden, haben nichts mit dem Edelgas zu tun. Die einzige Verbindung ist eine sprachliche Assoziation: Die fluoreszierenden Farbstoffe brachten in der Zeit ihrer Erfindung in den 1960er-Jahren ähnlich grellbunte Farbeffekte zustande, wie man sie sonst nur von Werbeschriften aus Neonröhren kannte.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/wortderwoche

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2022)