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Theaterkritik

Im Akademietheater ruft und singt der Berg

++ HANDOUT ++ AKADEMIETHEATER: ADERN
Das Leben bringt auch einen Fernsehapparat: Daniel Jesch, Sarah Victoria Frick, Markus Hering und Elisa Plüss in "Adern".Burgtheater/Matthias Horn
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David Bösch bringt „Adern“, ein Stück der Tirolerin Lisa Wentz, auf die Bühne des Akademietheaters – und tut ihm damit und dabei nicht nur Gutes. Sehenswert wird diese Uraufführung vor allem durch das grandiose Spiel von Sarah Viktoria Frick.

Der Berg hat Adern, und der Mensch hat Adern: Schon der Titel des Stücks von Lisa Wentz deutet eine dramatische Beziehung zwischen jenem und diesem an. Im Akademietheater wird diese Beziehung eindringlich dadurch ausgedrückt, dass der Berg die Hauptfigur wieder und wieder anruft, dass es nur so hallt und schallt: „Rudolf! Rudolf!“ Solch ein Ruf des Berges kann, wie wir von Wolfgang Ambros' Konzeptalbum „Der Watzmann ruft“ wissen, durchaus komischen Effekt machen. Das macht er auch im Akademietheater, was aber die Autorin wohl nicht so beabsichtigt hat.

Denn ihr Stück, 2021 mit dem Retzhofer Dramapreis ausgezeichnet, will weniger komisch als tragisch sein. Expressionistisch anmutende Zwischentexte, in denen z. B. der Wind über die Haut der Ewigkeit streicht, verbinden Szenen aus dem Leben eines ungewöhnlichen Paares im Tiroler Ort Brixlegg: Der dort einheimische Rudolf, verwitwet und Vater dreier Kinder, und Aloisia, der der Vater ihrer Tochter lebend abhanden gekommen ist, entscheiden sich 1953 für ein gemeinsames Leben. Ein raues Leben am und mit dem Berg, und ein karges, auch wortkarges: Die Dialoge sind das Gegenteil von geschwätzig, sie zeigen die Kunst der Autorin, auch Pausen sprechen zu lassen. Dass sie darob im Programmheft gleich mit Ödön von Horváth verglichen wird, ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber viele lakonische Sätze sitzen gut. Und wenn erst Aloisia mit dem Herrgott spricht („Mir haben uns lang schon nicht mehr gehört, wir zwei“) und dann Rudolf an diesem verzweifelt („Wie kann denn etwas, was so mächtig ist, wie soll so was so einen Menschen verstehen?“), mag man wirklich an die große Gebetsszene der Marianne in Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“ denken.