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Täuschungsabsicht

Wann spricht man eigentlich von einem "Plagiat"?

Studierende am Juridicum
Studierende am JuridicumDie Presse (Clemens Fabry)
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Ein Plagiat liege dann vor, wenn mit Täuschungsabsicht gehandelt werde, erklärt Studienpräses Peter Lieberzeit. "Man muss unterscheiden: Wollte sich da jemand etwas erschleichen? Handelt es sich um Zitierfehler oder um systematisches Übernehmen der Gedanken von anderen?"

Die Prüfung von wissenschaftlichen Arbeiten auf ein mögliches Plagiat ist laut dem Studienpräses der Universität Wien, Peter Lieberzeit, oft eine "Gratwanderung". Ein Plagiat liege dann vor, wenn mit Täuschungsabsicht gehandelt werde, so Lieberzeit am Dienstag. "Man muss unterscheiden: Wollte sich da jemand etwas erschleichen oder war etwas ein 'honest error'. Handelt es sich um Zitierfehler oder systematisches Übernehmen der Gedanken von anderen?"

Am Montag hat die Universität Wien bekannt gegeben, die rechtswissenschaftliche Dissertation von Justizministerin Alma Zadic (Grüne) wegen Plagiatsverdachts zu überprüfen. Grundlage war ein Gutachten, das ihr übermittelt wurde. Dies sei meist der Ausgangspunkt von Plagiatsverfahren, so Lieberzeit. "Wir bekommen einen Hinweis von außen, dass mit einer Arbeit etwas nicht in Ordnung ist."

Dieser Hinweis müsse begründet sein. "Ein anonymes E-Mail mit 'Schauen Sie sich einmal die Dissertation von XY an' reicht nicht." Dann prüfe man die Anzeige auf Plausibilität und Substanz und leite im Zweifelsfall eher ein Verfahren ein, meinte Lieberzeit.

Gutachter beurteilen Arbeit

Anschließend werde die angezeigte Person verständigt und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme im Rahmen des Parteiengehörs eingeräumt. Dann sucht die Universität Gutachterinnen bzw. Gutachter, die mehrere Kriterien erfüllen müssen, so Lieberzeit: "Sie müssen aufgrund der unterschiedlichen Fachkulturen vom entsprechenden Fach sein, dürfen kein Naheverhältnis zur betroffenen Person, zur Betreuerin bzw. dem Betreuer und möglichst auch nicht zur Universität Wien haben." Bei Fällen von öffentlichem Interesse sichere man sich außerdem noch damit ab, dass man die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) in die Auswahl der Gutachter mit einbeziehe: "Damit es nicht heißt, die Uni sucht sich nur ihr genehme Personen aus."

Die Gutachter müssten dann die Arbeit im Kontext ihrer Entstehungszeit beurteilen - entscheidend ist also etwa, welche Standards zum Zeitpunkt der Verfassung der Arbeit geherrscht haben. "Wir bitten sie dann zu beurteilen, ob eine Erschleichungsabsicht nachweisbar ist."

Jeden Fall individuell bearbeiten

Für die Grenze zwischen nicht korrektem Zitieren und Täuschung gebe es dabei keine festen Regeln, meinte Lieberzeit. Das müsse von Fall zu Fall entschieden werden. "Aber natürlich können sich Hinweise auf eine Systematik ergeben. Die Frage ist: Hat man den Eindruck, es wurde probiert etwas zu vermauscheln bzw. Gedankengänge einer anderen Person als eigene auszugeben oder ist es aus dem Textkontext heraus grundsätzlich korrekt zitiert und dadurch erkennbar, dass die Passage nicht als eigene Leistung ausgegeben werden sollte."

Das Gutachten gehe dann an die betroffene Person, anschließend entscheidet die Uni aufgrund der Aktenlage. Parteienstellung dabei hat nur die Person selbst, nicht aber der Anzeiger.

In der Entscheidung der Uni muss dann festgestellt werden, ob einerseits eine Täuschung vorliegt und ob andererseits eventuell auch im Fall einer solchen der Rest der Arbeit als Eigenleistung ausreicht, um zu einer Beurteilung zu gelangen. Ist dies nicht der Fall, wird die Beurteilung der Arbeit für nichtig erklärt und der dadurch erworbene akademische Grad entzogen. "Oder wir entscheiden: Es wäre gleich zu beurteilen gewesen. Dann stellen wir das Verfahren ein", so Lieberzeit. Eine andere Sanktion wie eine schlechtere Note oder eine Rüge gebe es nicht: "Es ist eine Alles-oder-nichts-Entscheidung."

Arbeiten noch vor Abgabe auf Plagiat überprüft

Generell ist die Zahl der Plagiatsverfahren an der Uni Wien am Abnehmen. Seit 2005/06 habe es an der Uni Wien 53 Verfahren gegeben, resümierte Lieberzeit. Vor seinem Amtsantritt als Studienpräses 2014 seien es 40 gewesen, seither nur mehr 13. Das liege vermutlich daran, dass mittlerweile Arbeiten schon vor ihrer Abgabe mittels Plagiatssoftware überprüft werden müssen. Derzeit seien gerade drei bis vier Prüfverfahren anhängig, im Vorjahr habe es gar keines gegeben.

"Uns ist die Frage des Einhaltens guter wissenschaftlicher Praxis sehr wichtig", betonte Lieberzeit. "Dazu verpflichten wir uns selbst und auch unsere Studierenden - auch wenn in der Öffentlichkeit von Dritten manchmal versucht wird, einen anderen Eindruck zu vermitteln."

(APA)