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Randerscheinung

Ganz normal krank

Carolina Frank
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Normal krank, wie früher. Vor Pandemie und Angriffskrieg in Europa. Wird Zeit, dass das alles wieder in ­Ordnung kommt.

Drei Wochen nach seiner Corona-Infektion hat der Jüngste eine Ohrenentzündung samt Husten und Schnupfen. Hurra, eine Ohrenentzündung, eine stinknormale, denke ich mir, weil ich ganz vergessen habe, dass man auch einmal ganz normal krank sein kann. Wo es wehtue, frage ich den Patienten. Er deutet auf das rechte Ohr: „Da höre ich kaum was, wie wenn ich einen Airpod mit Noise-Cancelling drinnen hätte.“ Inzwischen ist zu Hause bleiben keine große Geschichte mehr, ob Home-Office, Quarantäne oder gar Wochenende, die Grenzen verschwimmen, nur einfach Kranksein als Grund, das ist fast schon neu.

Ich gehe in eine Teams-Sitzung, er geht ins Bett, so kann man den Vormittag schon herumbringen. Dann lese ich ein paar Artikel online, und überall will man mir erklären, wie Putin tickt. Dabei ist es mir (Entschuldigung) scheißegal, wie er tickt und warum er so tickt, er soll gefälligst aufhören, Bomben auf Menschen zu schmeißen. Überhaupt ist er in einem Alter, wo man langsam seinen Stuhl in die Ecke stellen und ein bisserl aus dem Fenster schauen kann, statt der Welt seinen Willen aufzuzwingen. Ein alter, zwiderer Mann, der nichts mit seinem Leben anzufangen weiß, als große Reden zu schwingen, seine Mitmenschen zu knechten und die Nachbarn umzubringen. Genau niemand braucht ein großrussisches Reich, sondern es reicht viel kleines Glück.

Ich gehe ins Kinderzimmer, der Bub liegt im Bett und liest Mickey Mouse, sobald das Nureflex wirkt, wird er den restlichen Tag mit dem Fußball im Haus herumlaufen, alle zwei Minuten den Kühlschrank aufmachen, und es wird ihm soooo langweilig sein. Ganz normal krank eben. Wie früher. Vor Pandemie und Angriffskrieg in Europa. Wird Zeit, dass das alles wieder in ­Ordnung kommt. Schleunigst.

("Die Presse Schaufenster" vom 25.3.2022)