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Die Ich-Pleite

Ist irgendwas gleich geblieben?

Carolina Frank
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Der Hotelbesitzer freue sich, dass die alten Stammgäste von seinem Vater immer noch kommen, sagt er. Alt? Stammgäste? Vater?

Man kann ja auch nicht ununterbrochen in Krisenstimmung sein, sage ich mir. Deshalb fahre ich für ein paar Tage in ein Wellnesshotel, das ich schon lang kenne. Vom ­Zimmer aus schaue ich auf den ­breiten Fluss. Wenigstens etwas, das gleich geblieben ist. Vor dem Frühstück schwimme ich eine Runde, dann geht’s zum Pilates, anschließend Shiatsu-Massage und schließlich ­Kosmetik. Die Kosmetikerin sagt: Wimpern- und Augenbrauenfärben macht viel aus. Über diesen Satz muss ich nachdenken.

Beim Frühstücksbuffet treffe ich auf mehr junge Menschen. Als meine Freundin und ich zum ersten Mal da waren, waren wir noch die einzigen Jungen. Jetzt sind wir in der Mehrheit. Zum Abendessen gibt es Süßkartoffel-Tagliatelle und Basensuppe. Als Nachspeise Chiapudding mit Avocadoscheiben. Weinkarte gibt es keine mehr. Dafür aber eine gut ­sortierte Kräuterteekarte. Da kann man sich von „gute Laune“ bis „guten Schlaf“ alles antrinken. Meine Freundin und ich greifen aber lieber zu Altbewährtem, sprich: Rotwein. Heimlich im Zimmer. Meine Freundin sagt, der Masseur habe sie gefragt, ob sie nach der Massage noch eine Weile liegen bleiben wolle. „Wieso?“, will ich ­wissen. Meine Freundin zuckt mit den Achseln, und ich schenke ihr nach.

Am nächsten Tag begegne ich dem neuen Besitzer. „Schön, dass Sie wieder einmal da sind“, lächelt er. Kennt er mich denn? „Ich freue mich, dass die alten Stammgäste von meinem Vater immer noch kommen“, sagt er. Alt? Stammgäste? Vater? „Wir haben ihn letztes Jahr beerdigt“, sagt der neue Besitzer. Im neunzigsten. Ich schaue ihn an. Er hat kleine Fältchen um die Augen. Wenn er jetzt sagt, er ist schon als Kind bei mir auf den Knien gesessen, gehe ich sofort noch einmal meine Augenbrauen färben.

("Die Presse Schaufenster" vom 25.3.2022)