Was ist das für ein Gefühl, wodurch wird es ausgelöst, und warum hat es so viele Facetten? Über rollende Augen bei Teenies und Rollenkonflikte bei Eltern.
Wenn man Teenager zu peinlichen Erlebnissen befragt, ist das Spectrum breit. Da kommt natürlich: geschimpft werden von den Eltern, vor Freunden. Allzu freizügige Erzählungen der Eltern, vor Freunden. Und die absolute Horrorvorstellung vor allem für Buben: einen Kuss bekommen von den Eltern, vor Freunden. Die Klassiker des Schamgefühls sind Erwachsenen jeder Generation vertraut, leichter in Vergessenheit gerät, dass auch unverdächtige Situationen für Heranwachsende beschämend sein können. Befragt man Teenager, hört man etwa, wie schrecklich peinlich es war, als ein Mitschüler kürzlich einen Sessel durch die Klasse trug und dabei einige Klassenkolleginnen beinahe streifte. Oder wie die 13-Jährige sagt: „Den Sessel zehn Leuten fast auf den Kopf geknallt hat.“
Für wen das denn peinlich gewesen sei, würde man gern wissen. Die Antwort: Natürlich für alle! Für den Mitschüler genauso wie für jene, die es beinah getroffen hätte. Es sei „eine Qual für alle gewesen, ihm zuzusehen“. Da ist sie also, die Qual, die als Pein dem Begriff zugrunde liegt. Wieso spüren Heranwachsende sie so stark, wie wird dieses Gefühl ausgelöst? Und warum sind so unterschiedliche Dinge peinlich wie ein Referat in der Schule, ein Vater, der nicht die allerbesten Witze erzählt, und ein Bub, der etwas ungelenk einen Sessel trägt?
Bewertung von außen. Prinzipiell geht es dabei um die Sorge, in der Öffentlichkeit nicht adäquat zu reagieren. Als Jugendlicher hat man viele Situationen noch nie erlebt. Man weiß nicht, wie man sich dabei verhalten soll. „Das Gefühl der Peinlichkeit hat immer mit der Frage zu tun: Wie möchte ich denn auf andere wirken?“, sagt die Psychologin Catherine Penz-Gieorgijewski. „Wir haben uns ja alle in der Pubertät als sehr unsicher erlebt. Wir wollen uns optimal zeigen, aber wir sind noch nicht so ganz optimal. Wenn der Wunsch dann mit einer möglichen oder tatsächlichen Reaktion der Umwelt kollidiert, dann entsteht Scham“, erklärt sie. So ist es vielen Kindern schrecklich peinlich, wenn sie etwas nicht richtig gemacht haben, und sei es nur, dass sie in der Schule ein Wort falsch aussprechen.
Doch selbst, wenn sie für etwas unerwartet gelobt werden, schämen sich manche. Was an der „plötzlich erhöhten Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber“ liegt, meint Penz-Gieorgijewski. Also dass man sich selbst zeigt – und gesehen wird. Wobei man nicht genau weiß, wie das ankommt. Das ist die Crux an der Pubertät: Man will ein eigenständiger Mensch sein, seinen eigenen Weg finden – ist aber unsicher, in welche Richtung man gehen soll. Für viele ist der naheliegende erste Schritt dann erst einmal, anders zu sein als die Eltern.
Im Versuch der Abgrenzung kann vieles von dem, was die Eltern machen, als blamabel empfunden werden. Oft müssen Eltern aber auch gar nichts machen, um als peinlich wahrgenommen zu werden: Es reicht ihre Anwesenheit, wenn andere Jugendliche dabei sind. Denn die macht deutlich, dass das Kind ein Kind ist. Da muss gar nicht das befürchtete Bussi der Mama kommen oder ein besorgtes „Mach doch bitte die Jacke zu, es ist kalt“. Der Teller mit den Keksen, den man anbietet, kann völlig reichen. Weshalb Teenager gern versuchen, die Eltern aus dem Haus zu bekommen, wenn sie jemanden einladen.