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Gendergerechte Sprache

Die Universität Wien zwischen Gender-Zwang und Inklusion

Der Genderleitfaden gilt für die gesamte Universität Wien, die Umsetzung hängt jedoch von den Lehrenden ab.
Der Genderleitfaden gilt für die gesamte Universität Wien, die Umsetzung hängt jedoch von den Lehrenden ab.(c) REUTERS (LISI NIESNER)
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Ein Feststellungsantrag soll überprüfen, ob Lehrende der Universität gendergerechte Sprache vorschreiben dürfen. Auslöser war ein Eklat beim Zentrum für Translationswissenschaft: Studierende fühlen sich unfair behandelt.

Ein Student an der Universität Wien sieht sich durch einen angeblichen Zwang zur gendergerechten Sprache diskriminiert. Diese Meldung ging vor einigen Wochen durch die österreichische Medienlandschaft und stieß auf reichlich Resonanz. Die Problematik: Der Student der Translationswissenschaft gibt an, in Lehrveranstaltungen schlechter benotet worden zu sein, weil er in seinen Texten durchwegs das generische Maskulinum verwendet hat, also nur die männliche Form eines Nomens. Ein „Leitfaden für gendergerechte Sprache“ empfiehlt Studierenden zwar zu gendern und das dritte Geschlecht zu verwenden, schreibt die Vorgangsweise jedoch nicht vor. Expertinnen und Experten verweisen auf Studien, die die Wirkung von geschlechtergerechter Sprache belegen sollen. Die finale Entscheidung liege aber bei den Lehrenden, sagt die Universität Wien. Ein Feststellungsantrag wurde eingebracht. Der Verwaltungsgerichtshof soll die Causa nun prüfen. Die „Presse“ hat bei Betroffenen und Expertinnen nachgefragt, um mehr Klarheit in die teils emotionale Diskussion zu bringen.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Zentrum für Translationswissenschaft bei der Gender-Debatte an der Universität Wien im Zentrum steht. Bereits 2020 hatten Studierende der Fakultät mit der Kampagne „Gendern? Nein, danke“ auf ihre Forderungen aufmerksam gemacht. Der Widerstand gegen eine verpflichtende Verwendung der gendergerechten Sprache ist auch 2022, insbesondere am Institut für Translationswissenschaft, noch besonders groß. Der „Presse“ liegen etliche Berichte von Studierenden vor, die von einer unfairen Behandlung durch Lehrende sprechen. Schlechte Übersetzungen würden etwa gut bewertet werden, wenn sie gegendert sind und andersherum. Bei Beschwerden sei es zu persönlichen Beleidigungen gekommen. Die Klage ihres Studienkollegen sei lediglich exemplarisch für den „Zwang“, der am Institut herrscht, meint eine Betroffene. Der Studienpräses und die Medien würden wiederum die Probleme der Studierenden als Lappalie abtun.

Freiwilligkeit mit impliziertem Zwang

Sibylle Pot d'or ist freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin für Deutsch, Englisch und Spanisch am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien und kennt die Beschwerden ihrer Studierenden. So wären etwa bereits Arbeiten mit „Genügend“ bewertet worden, die laut Lehrenden „inhaltlich sehr gut“ waren, aber „zu viel Männlichkeit“ enthielten. Bei Referaten würden Studierende unterbrochen werden, wenn sie nicht gendern. Seit Jahren setzt sich Pot d'or für eine Abschaffung der verpflichtenden Gendersprache an der Universität ein und erntet dafür viel Kritik. Der stichhaltige Punkt ist für die Übersetzerin in erster Linie die fehlende Freiwilligkeit an der Regelung. Denn obwohl die Universität Wien betont, dass es keine verpflichtenden Vorgaben zur gendergerechten Sprache gibt, stellt sie es ihren Lehrenden dennoch frei, Gendern zu einem maßgeblichen Bestandteil ihrer Lehrveranstaltungen zu machen. Ob diese Arbeitsweise auch in die Bewertungsgrundlage einfließen darf, geht aus dem Leitfaden nicht eindeutig hervor. Von der Universität Wien hieß es dazu, dass ein Punkteabzug aufgrund fehlender sprachlicher Inklusion jedenfalls „mit den Inhalten bzw. den Lehr-, Lernzielen der jeweiligen Lehrveranstaltung begründbar sein“ muss.