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Austrotürken: Wenn Migranten Postbus fahren wollen

Multikulti oekonomisch Wenn Migranten
(c) AP (HANS PUNZ)
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Integrationsfaktor Wirtschaft: Wie sich österreichische Investitionen in der Türkei auf die hiesigen Austrotürken auswirken. Über 150 österreichische Unternehmen sind derzeit in der Türkei engagiert.

[Wien]Einen Teil ihrer Flotte – 150 Busse – hat die Postbus AG bei der türkischen Firma Temsa produzieren lassen. Das hat in der türkischen Community in Österreich Aufmerksamkeit erregt. Und sie mit Stolz erfüllt. Mit dem Effekt, dass sich türkische Migranten der zweiten/dritten Generation bei der Postbus AG um einen Job beworben haben.

Dies sei nur ein Beispiel für gelungene Integration durch wirtschaftliche Verflechtung, finden Eser Akbaba und Zwetelina Ortega vom Verein „Wirtschaft für Integration“. „Integration wird ja meist als etwas Negatives, Problembehaftetes gesehen“, meint Akbaba. „Dabei lässt sich das Potenzial der Migranten – Sprache, kulturelles Know-how – gut kapitalisieren“, sagt Ortega. Und Akbaba fügt hinzu: „In der Wirtschaft fragt eigentlich keiner, woher einer kommt. Letztlich zählt der Profit.“

Seit die OMV die türkische Petrol Ofisi gekauft hat, würden viele türkischstämmige Österreicher in die Türkei gehen, um dort zu arbeiten. Über 150 österreichische Unternehmen sind derzeit in der Türkei engagiert – vom Verbund bis Baumax. Vier Mrd. Euro haben sie dort investiert. Umgekehrt investieren türkische Unternehmen in Österreich. Der Mischkonzern Borusan etwa, der sogar die Salzburger Festspiele sponsere, oder die Vakif-Bank. Und was kaum einer wisse: Elektra Bregenz ist heute eine türkische Firma.

Aber auch die in Österreich lebenden Türken würden zum hiesigen Bruttoinlandsprodukt beitragen. 18 Prozent der Unternehmer in Wien sind Migranten, acht davon Türken, davon sind 45 Prozent im Handel tätig. „Österreich ist kein Einwanderungsland, aber ein Zuwanderungsland“, meint Eser Akbaba, selbst türkisch-kurdische Alevitin, TV-Zusehern auch als „Wien heute“-Wettermoderatorin bekannt. Zwetelina Ortega räumt ein, dass auch die Türkei nach wie vor Probleme habe – vor allem in der Bildung. Jede vierte Frau sei Analphabetin, bei den Männern sei es jeder 15. „Und jedes sechste Mädchen heiratet vor seinem 19.Lebensjahr. 600.000 Mädchen gehen nicht zur Schule.“

Der von Unternehmern und Managern getragene Verein „Wirtschaft für Integration“, bei dem Akbaba und Ortega tätig sind, engagiert sich seit 2009 für einen positiven Umgang mit Zuwanderern. Schirmherren sind Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad. Man versteht sich dezidiert nicht als Sozialverein, sondern als Wirtschaftsverein. Zahlreiche Integrationsprojekte wurden bereits gefördert, alljährlich wird der Österreichische Integrationspreis ausgelobt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2010)