„Unschuldsvermutung“ von und mit Florian Scheuba: politisch brisantes, stellenweise allzu derbes Kabarett.
Wir werden keinen Richter brauchen; wir waschen unsere Hände in Unschuld; wir sind nie Täter, immer Opfer: Diese Einstellung als „typisch österreichisch“ zu „entlarven“ ist eine alte Routine österreichischer Kabarettisten und Kommentatoren. Florian Scheuba greift sie in „Unschuldsvermutung“ auf – und wählt dafür passend die Rolle eines untoten, unendlich müden und zynischen Heinz Conrads, der chronisch Unschuldige zum „ein bisserl Plaudern“ in seine Sendung lädt: Helmut Elsner, Rainhard Fendrich, Karl-Heinz Grasser, Bernhard Kohl, Julius Meinl V., Alfons Mensdorff-Pouilly, Peter Westenthaler. All diesen Herren legt Scheuba nur ihre eigenen Worte in den Mund, was den Abend brisant und doch vor Klagen sicher macht.
Brillant: Seberg als Mensdorff-Pouilly
Es ist leicht, einen Meinl als eitlen Schnösel und einen Grasser als Narziss zu zeichnen: Robert Palfrader und Adele Neuhauser (in einer Hosenrolle) tun das mit viel Freude an derber Komödiantik, bis hin zum Zungenkuss der beiden. Extrem derb und doch subtil gibt Gregor Seberg den Mensdorff-Pouilly: diabolisch, wie er breit auf dem Sofa knotzt, und die Idee, er könnte irgendjemandem Rechenschaft schuldig sein, brüllend verlacht.
Erwin Steinhauer hat seinen Elsner gut studiert. Allzu dick tragen Clemens Haipl als (fortwährend strauchelnder) Kohl und Wolfgang Pissecker als (in seinen Songtexten sprechender) Fendrich auf. Diese Szenen stützen eine Hauptthese des Abends – die Korruption im Graufeld zwischen Politik und Wirtschaft sei so selbstverständlich geworden, dass es schon grotesk ist – nicht, sondern konterkarieren sie, verharmlosen das Verwerfliche zur liebenswerten Idiotie.
Noch bierzeltiger sind die Auftritte der– an sich bezaubernden – Eva Maria Marold als Kammersängerin und Justizministerin Claudia Bandion-Ortner: Für Grasser „Was kann der Karl-Heinz dafür, dass er so schön ist“ zu singen und „Ja, wir wer'n kein' Richter brauchen“ nach der Melodie von Beethovens Ode an die Freude zu intonieren, das ist schon zu tief. So wie es allzu simpel ist, zur Meinl-Szene mit dem Spruch „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan“ überzuleiten. Man hebt nicht jede Pointe auf, die auf dem Boden herumliegt!
Sagen wir es positiv: Wenn der Villacher Fasching wie dieser Abend wäre, würden wir dafür plädieren, ihn weiterhin in voller Länge im ORF zu übertragen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2010)