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Interview

Ted Hui: „Im Grunde ist alles zerstört“

Polizisten nehmen Ted Hui während prodemokratischer Proteste 2019 in Hongkong fest.
Polizisten nehmen Ted Hui während prodemokratischer Proteste 2019 in Hongkong fest.(c) AFP via Getty Images (ANTHONY WALLACE)
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Hongkong sei zu einer Marionette Pekings geworden, sagt Ted Hui. Der berühmte Parlamentarier zeichnet im australischen Exil ein düsteres Bild von der Zukunft der chinesischen Sonderverwaltungszone, beraubt von allen Freiheiten

Ted Hui nimmt sich Zeit für das Gespräch. Am anderen Ende der Welt, in Australien, schaltet sich der 39-Jährige mit der jugendlichen Stimme zu dem Telefonat zu. Hui war einer der prominentesten prodemokratischen Abgeordneten im Hongkonger Parlament, als ihm Anfang Dezember 2020 die Flucht gelang. Zwei dänische Politiker hatten ihn unter dem Vorwand einer Umweltkonferenz aus seiner Heimatstadt geschafft. Damit konnte er dem Schicksal Dutzender Kollegen entrinnen: Wenige Wochen später, im Jänner 2021, wurden sie wegen Subversion inhaftiert und warten seitdem auf ein Verfahren. Hui zur „Presse am Sonntag“ über den Hass seiner Mitbürger auf die Regierung, Gefahren für Hongkong-Unterstützer im Ausland und die Sanktionen im Ukraine-Krieg.

Seit mehr als einem Jahr sind 47 Hongkonger Demokratie-Unterstützer ohne Gerichtsurteil inhaftiert, weil sie 2020 an inoffiziellen Vorwahlen teilnahmen. Auch Sie gewannen damals. Was denken Sie darüber, dass Sie rechtzeitig aus Hongkong fliehen konnten?

Ted Hui: Ich hatte Glück, dass ich Hongkong verlassen konnte. Es ist schmerzhaft, sie leiden zu sehen, ihrer Freiheit beraubt, von ihren Liebsten ferngehalten. Sie gehören zu meinen engsten Freunden. Ich weiß, wie schrecklich es für sie, für ihre Ehefrauen und Kinder ist. Wegen der Coronamaßnahmen haben sie Familie und Bekannte monatelang nicht gesehen. Diese Menschen haben nichts getan, außer an Vorwahlen teilzunehmen. Sie verdienen nicht, im Gefängnis zu sein, es ist lächerlich. Von ihrer Inhaftierung zu erfahren, war der traurigste Moment in meiner politischen Karriere. Ich fühle mich als einer von ihnen, weil ich bei den Vorwahlen gewann. Ich wäre der 48. gewesen.

Dutzende Pro-Demokratie-Aktivisten sind inhaftiert oder angeklagt, der politische Druck auf die Justiz ist groß. Wie viel ist von den Freiheiten, die Peking Hongkong 1997 garantierte, noch übrig?

Nichts ist übrig, im Grunde ist alles zerstört. Durch das 2020 verabschiedete Nationale Sicherheitsgesetz hat das Regime die Macht, Richter auszuwählen oder sie von Fällen auszuschließen – es kann direkt in die Verwaltung der Gerichte eingreifen. Zudem hat es fundamentale Prinzipien, wie die Unschuldsvermutung verändert: Wer unter dem Nationalen Sicherheitsgesetz verhaftet wird, wird grundsätzlich als schuldig befunden. Denn Inhaftierte müssen lange auf ihren Prozess warten. Das Geschworenensystem ist kollabiert: Das Regime kann die Jury mutwillig von Verfahren abziehen. Wir haben also keine unabhängige Justiz mehr.

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