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Quergeschrieben

Das selbstgerechte Baden in identitätspolitischer Korrektheit

Wie vermeintlich woke Menschen gerade dieser Tage mit ihrem Kampf gegen Cultural Appropriation ein Weltbild voller Zäune errichten.

Vergangene Woche sorgten klimabewegte Freitag-Futuristen (m/w/*) der Ortsgruppe Hannover für ein seichtes Lüfterl im Blätterwald: Sie hatten die deutsche Musikerin Ronja Maltzahn ausgeladen, die mit ihrer Band auf der freitäglichen Klima-Demonstration hätte auftreten sollen. Maltzahn, die ihren von Fernweh grundierten Worldpop auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Französisch und Niederländisch singt, eigne sich mit ihren Dreadlocks die Kultur schwarzer Menschen an. Wenn sie dabei sein wolle, müsse sie sich die Filzlocken abschneiden, der sichere Klimaschutzbewegungsraum sei jedenfalls kein Aufenthaltsort für eine weiße Frau mit dieser Frisur. Auch Kapitänin Carola Rackete, die vor drei Jahren das Veto italienischer Behörden mutig umschiffte und mit mehr als 50 in Seenot geratenen Flüchtlingen im Hafen von Lampedusa ankerte, hat diese Haarpracht. Ist sie bei den FFF-Aktivisten auch unten durch, weil sie keine straffen Gretlzöpfe flicht? Die meisten nicht schwarzen Menschen tragen die Frisur aus Gründen der Cultural Appreciation, also aus Gründen kultureller Wertschätzung. Etlichen afrikanischen Kulturen dagegen sind sie ebenso fremd wie unsereinem, wundert sich der Kenianer Kris McDred auf YouTube über das Dreadlockverbot für Weiße. Die meisten, die so selbstgerecht in identitätspolitischer Korrektheit baden, gehören aber auch zu den kulturellen Aneignern: Denn Jeans, das weltweit meistgekaufte und -getragene Kleidungsstück, waren einst die Arbeitskluft ausgebeuteter schwarzer Plantagenarbeiter.

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Tatsächlich werden kulturelle Symbole stets neu kontextualisiert, Kunst, Kultur, Kulinarik und Mode sind permanente An- und Zueignung, gegenseitige Beeinflussung, Um- und Neuinterpretation. In den 1970er-Jahren wurde in einer New Yorker Gruppenausstellung erstmals Appropriation Art gezeigt. Geistiges Eigentum sei das Öl des 21. Jahrhunderts, schrieb zu dieser Zeit der Künstler Michalis Pichler in seinen „Statements zur Appropriation“, die er wiederum vom Manifest des deutschen Philosophen Max Stirner aus dem Jahr 1844 abgekupfert hatte. Und er zählte Appropriationsstichworte auf: „Ausleihen, klauen, aneignen, erben, assimilieren . . . zitieren, umschreiben, überarbeiten, umgestalten . . . Interpretation, Imitation, Annäherung, Improvisation, Supplement, Zuwachs, Prequel . . . Pastiche, Paraphrase, Parodie, Piraterie, Fälschung, Hommage, Mimikry, Travestie, Echo, Intertextualität und Karaoke.“