Erstausgaben von Jelinek statt irischer Luftgeschäfte

Die Banken und der Finanzminister zwingen mich: Aus Verzweiflung über miese Anlagen bin ich zum Deficit Spending übergegangen.

Es ist bekannt, dass wahre Kunst ein scheues Reh ist und selten ungestört gesehen werden kann. Ähnlich ausgeprägt ist das Fluchtverhalten der Tiere an der Börse. Bulle wie Bär sind für ihre Panikattacken berüchtigt, und auch der DAX taucht gerne ab, wenn er sich zu genau beobachtet fühlt. Deshalb war es leichtsinnig von mir, mich vom Elfriede-Jelinek-Forschungszentrum zu einer Diskussion über Kunst und Kapitalismus locken zu lassen, mit Spezialisten für das Schöne und das Abgründige.

Die Ware Kunst und das künstliche Kapital sind so kapriziös wie Madonna. Zwar hat mir Jelineks Komödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“ ausnehmend gefallen, und ich bin auch gerne bereit, über die Raffinesse der Wortspiele in den Texten der Nobelpreisträgerin zu schwärmen, aber was meinen Umgang mit der Finanzwelt betrifft, sind meine Defizite so prekär wie irische Staatsanleihen.

Für Anlageberater bin ich das Opfer. Raunt mir der Verweser meiner Lebensversicherung zu, dass man Gold kaufen müsse, kann ich sicher sein, dass seine Preiskurve, die über Jahre kontinuierlich nach oben zeigte, in der Woche, in der ich ein wenig von dem edlen Metall besitze, ehe ich es überstürzt abstoße, eine sichtbare Delle aufzeigt. Deshalb bin ich jetzt zum Deficit Spending übergegangen.

Warum? Als mich Banken und Finanzminister beim Studium nicht mehr vorhandenen Mehrwertes wieder einmal zum Weinen brachten, sagten mir zur Bekräftigung ein Philosoph, ein betrunkener Galerist und ein verzagter Kollege unabhängig voneinander, dass sie stündlich mit dem Platzen der Kunstmarktblase rechneten. Das aber war zu viel. Ich hatte meine Lektion gelernt. Die wollen nur spielen! Die gefährden mit ihren leichtsinnigen Aussagen die Kunst. Es ist also an der Zeit, dass es nicht nur Klopffechter, sondern auch Mäzene gibt. Irgendjemand muss ja die Kunst retten, wenn nötig sogar auf Kredit! Der Familienrat beschloss also den Kauf einer Geige und eines atemberaubend schönen Gemäldes. Die gehören jetzt zu uns. Ich schaue sie mir täglich an, und wenn ich die Violine stimme, weiß ich, dass sie mir einiges wert ist. Vor allem aber: Diese Dinge sind real.

Wie kümmerlich kommt es mir dagegen vor, wenn die Finanzgenies in unserer Regierung behaupten, dass sie eben mal mit vielen Millionen Euro die Hypo-Mafia, atlantische Seeräuber oder den Hafen von Piräus retten. Lauter Luftgeschäfte aufgeblasener Luftikusse! Ich weiß es besser. Als Experte für Wertbeständiges rate ich Ihnen dringend: Silberschmuck aus Potosi, Strickwaren aus Island, Kakaobohnen aus Ghana, alles Flüssige aus Bordeaux und Erstausgaben der Jelinek. Ich bin sicher, Sie werden damit noch für Jahre Ihre Freude haben.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2010)

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