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Roman

„Nebenan“: Zwei Frauen, die mit Schicksal und Sehnsüchten hadern

(c) Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Muenchen
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Julia und Astrid sind die Protagonistinnen in Kristine Bilkaus Roman „Nebenan“, der langsam eine starke Sogwirkung entfaltet.

Nicht das „Fenster zum Hof“ ist es, sondern jenes zum Garten, durch das Julia, Ende 30, in dem kleinen Ort am Nord-Ostsee-Kanal blickt. Sie wundert sich, dass sie die Familie von nebenan schon so lange nicht mehr gesehen hat – und was ist mit dem Buben, den sie dabei beobachtet, wie er einen Zettel auf der Terrasse des Nachbarhauses schiebt? Astrid, Anfang 60, lebt im selben Ort am Meer und ist Allgemein- und Notärztin. Und auch in ihrem Leben häufen sich gerade seltsame Ereignisse.

Julia führt eine Töpferei im Zentrum, doch anstatt sich über interessierte Besucher in ihrem Geschäft zu freuen, bearbeitet sie lieber Online-Bestellungen. Schon seit einiger Zeit versuchen sie und ihr Mann Chris vergeblich, ein Kind zu bekommen; Hormonbehandlungen und Besuche bei Spezialisten stehen bereits an der Tagesordnung. Allein, Chris, der sich hingebungsvoll seiner Arbeit als Biologe widmet, scheint nicht einmal zu ahnen, welche inneren Kämpfe Julia seither führt – mehr oder weniger gegen ihren eigenen Körper. Und sie quält sich noch mehr, indem sie Blogs und Instagram-Seiten von vermeintlich „happy families“ verfolgt, die ihre märchenhaften Familienleben lang und breit vor der Öffentlichkeit auswälzen.

Astrid schwimmt für ihr Leben gern; sie liebt es, wenn ihr Köper kraftvoll das Wasser durchpflügt. Doch sie sorgt sich um ihre alte Tante und um Andreas, ihren Mann, der jüngst in Pension gegangen ist; die seltsamen Drohbriefe hingegen, die sie seit Kurzem erhält, scheinen sie gar nicht so sehr aus der Ruhe zu bringen. Andreas nutzt indes seine neu gewonnene Zeit, um einen ganz eigenen Tages-und-Nacht-Rhythmus zu entwickeln; stundenlang zappt er durchs Fernsehprogramm und informiert sich über das Weltgeschehen. Astrid hadert außerdem mit der Tatsache, dass ihre einstige beste Freundin Marli sie aufgrund eines Vorkommnis vor einigen Jahren noch immer schneidet. Damals hat Marli Astrid vorgeworfen, sich immer in die Dinge anderer einzumischen – das hat Astrid nicht verstanden.

Kristine Bilkaus Protagonistinnen sind zwar intensiv mit ihren persönlichen Problemen beschäftigt, lenken sich aber gerne davon ab, indem sie ihren Blick auf das „Nebenan“, so auch der Titel des Romans, zu konzentrieren – auf andere, ihre Mitmenschen. Damit erscheint es für Julia und Astrid manchmal einfacher und angenehmer, das Leben anderer Menschen zu betrachten, anstatt das eigene. Doch funktioniert das auf lange Sicht? Ein kluger, eindringlicher, zugleich sehr ruhiger, leiser Roman, der schwierige Fragen nach dem Selbst und der Erfüllung von Sehnsüchten aufwirft.

Kristine Bilkau: „Nebenan“, Luchterhand Verlag, 290 Seiten, 22,70 Euro

(c) Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Muenchen