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Bodo Hombach: Zwischen Mafia und Ehrenkodex

Bodo Hombach Zwischen Mafia
Bodo Hombach(c) APA (KATJA SCHELL)
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Die Medien seien ein wichtiges Korrektiv in einer Demokratie, meint WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach. Er diskutiert heute auf dem international besetzten Podium im Wiener Burgtheater zum Thema "Democracy and the Media".

Die Presse: Die Medien verstehen sich als vierte Gewalt im Staat – erfüllen Sie diesen hohen Anspruch überhaupt?

Hombach: Die Medien sind mit ihrem Enthüllungscharakter eine unverzichtbare Säule im demokratischen Gefüge. Für Politiker und Mächtige ist nichts so disziplinierend wie die Drohung, dass etwas öffentlich wird, was sie nicht öffentlich sehen wollen. In der heutigen Mediengesellschaft lautet der kategorische Imperativ daher nicht mehr: Was ist, wenn es alle tun?, sondern: Was ist, wenn es rauskommt?

Die Presse: Was müssen die Medien dafür tun, dass dieser Disziplinierungs-Mechanismus funktioniert?

Hombach: Die Medien müssen stark und glaubwürdig sein, Journalisten müssen sauber und sorgfältig recherchieren. Wenn sich eine Skandalisierung als fehlerhaft herausstellt, verlieren wir an Glaubwürdigkeit – idealtypisch ist sie für die Demokratie unverzichtbar, ich glaube sogar wirksamer als Gesetze und Verordnungen.

Die Presse: Immer öfter übernehmen sogenannte „Heuschrecken“ Medienunternehmen.

Hombach: Ich mache mir sorgen, wenn Medien Leuten gehören, die damit nicht ein normales Geschäft betreiben wollen – vor allem in vielen Staaten Südosteuropas. Diese Oligarchen haben in anderen Bereichen ihr Geld gemacht und halten sich Medien, um gewisse politische und wirtschaftliche Ziele durchzusetzen. Das ist eine große Gefahr.

Die Presse: Die WAZ hat ja auch in Südosteuropa Medien, in Bulgarien zum Beispiel. Auch in Russland. Dort ist die Mafia aktiv – kann man da überhaupt saubere Geschäfte machen?

Hombach: Natürlich läuft man dort Gefahr, unter Druck zu geraten, auch bedroht zu werden oder benachteiligt. Aber die Finger schmutzig machen muss man sich nicht. Wenn man dazu bereit wäre, dann verlöre man den Boden unter den Füßen – das hat ja kein Ende mehr, ist wie eine Spirale . . .

Die Presse: Und es hat auch nie Versuche gegeben, Einfluss auf die Berichterstattung zu üben?

Hombach: Natürlich. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: In einem südosteuropäischen Land hat mir ein bedeutender Geschäftsmann und früherer berühmter Sporttrainer eine Wette angeboten: Er würde es für 1000 Dollar schaffen, einen erfundenen Text in einen unserer Titel zu kriegen. Ich habe ihn ausgelacht – und er hat mir dann schrecklicherweise nachgewiesen, dass es funktioniert hat. Wir haben uns daraufhin von dem Titel getrennt.

Die Presse: Oft berichten Medien über Missstände – etwa in Italien darüber, was sich Silvio Berlusconi so alles erlaubt –, aber es ändert nichts. Berlusconi bleibt an der Macht, wird gewählt – egal, was über ihn berichtet wird.

Hombach: Die Medien haben kein Mandat dazu, die eine oder andere Meinung durchzusetzen. Sie haben sich auf die Rolle des Berichtenden, des Moderierenden zu beschränken. Es geht darum, dass sie die Chance haben, die Wahrheit zu veröffentlichen – die Schlussfolgerungen können sie niemandem aufzwingen.

Die Presse: Auch in Deutschland gibt es immer wieder heftige öffentliche Debatten. Sie beobachten die schon Jahrzehnte – was hat sich da verändert?

Hombach: Wir diskutieren seit über zwanzig Jahren über Parteien- und Politikverdrossenheit, über Atomkraft, zuletzt wieder über den Castor-Transport und den Bahnhof in Stuttgart. Neu sind für Deutschland die Delegitimationsprozesse von Institutionen und Verfahren. In Deutschland kann man gegen Geld per Telefon wählen, wer Superstar wird oder wer aus dem Dschungelcamp rausfliegt. Die Leute sehen daher nicht ein, wieso sie bei einer Milliardeninvestition vor ihrer Haustür nicht auch mitwirken dürfen.

Die Presse: Die Leute organisieren ihren Protest oft im Internet.

Hombach: Richtig, aber von der bisherigen aufklärerischen Leistung des Netzes bin ich enttäuscht. Ich habe mir von der Bloggerkultur mehr erwartet. In den anonymen Blogs sind noch viele oberflächliche, fast diffamierende Momente – da muss es künftig einen Prozess geben, in dem professionelle Kriterien eine viel größere Rolle spielen.

Die Presse: Die klassischen Medien tun sich noch immer schwer mit dem Internet. Vor allem, weil dort alles gratis ist.

Hombach: Die jungen Leute werden in Zukunft die Zeitung am Bildschirm konsumieren, da hat sich mittlerweile ein Verhalten eingefräst. Eines hat sich aber verändert: Vor fünf Jahren haben sie mir absurde Online-Informationen unter die Nase gehalten und mit mir gestritten. Heute sagen sie selbst, dass sie online viel Schrott lesen. Der professionelle Journalismus wird sich online nur über das Kriterium Glaubwürdigkeit durchsetzen. Heute sagen die Leute: Es stand in der Zeitung, also stimmt es. Den Satz: Ich habe es online gelesen, also stimmt es, hört man nie. Wenn wir uns in den neuen Medien durchsetzen wollen, muss es aber dazu kommen.

Die Presse: Die WAZ hat einen Ehrenkodex. Wie funktioniert das?

Hombach: Wir haben einen Ombudsmann, der sich mit möglichen Verstößen befasst. Vor allem bei der Trennung von Redaktionellem und Werbung. Entstanden ist der Ehrenkodex nach folgendem Fall: Ich hatte in einer unserer Zeitungen einen Artikel über ein Fahrrad gelesen, in dem stand: „Es läuft wie auf Schienen“. Ich wollte das Rad haben und fragte in der Redaktion, wo ich es denn kaufen könne. Und dann stellte ich fest, dass auf der Website des Anbieters genau derselbe Artikel zu lesen war. Das ist tödlich.

Die Presse: Manche Unternehmen drohen Medien, ihr Werbegeld abzuziehen, wenn negativ berichtet wird. Kann man sich als Medium gegen solche Machenschaften wehren?

Hombach: Als ein großer Essener Konzern vor zwei Jahren seinen Namen änderte, hat man uns dazu deutlich weniger Anzeigen gegeben als anderen Medien – weil wir im Vorfeld kritisch über das Unternehmen berichtet hatten. Ich habe diesen Vorgang öffentlich gemacht. Das hat dem Unternehmen am Ende mehr geschadet als uns.

Die Presse: Kann sich das nur ein großer Medienkonzern leisten?

Hombach: Nur ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen hat die Stabilität, sich gegen so etwas zu wehren. Und in einigen Ländern kommt es ja noch schlimmer: Da gibt es Gratiszeitungen, die schon den redaktionellen Teil verkaufen.

Die Presse: Oder es geht umgekehrt: Weil in den Redaktionen immer weniger Leute sitzen, die die Arbeit machen müssen, wird der Einfluss der PR immer stärker.

Hombach: Richtig. In Berlin haben mehr Lobbyisten damit zu tun, bestimmte Inhalte in die Medien zu bringen, als Journalisten, die im Nachrichtengeschäft arbeiten. Da gibt es ganze Berufsstände, die sich damit beschäftigen. Das birgt das Risiko, dass man sich instrumentalisieren lässt. Dafür muss man Journalisten sensibilisieren. Die Leser merken es, ob sie informiert oder instrumentalisiert werden.

Die Presse: Sie haben eingangs erwähnt, wie wichtig Medien für die Demokratie sind – aber was ist mit denen, die keine Zeitung lesen und im Fernsehen nur Unterhaltung schauen?

Hombach: Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Zeitungskonsum und dem Leistungsniveau von Schülern. Wer als Kind oder Jugendlicher zeitungsfern aufwächst, hat in der Regel deutlich schlechtere Noten. Das ist wissenschaftlich belegt. Dieses Phänomen ist ein riesiges Problem, weil die Spaltung der Gesellschaft, die wir beobachten, dadurch tiefer wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2010)