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Nachhaltigkeit

Auf den Tellern in Industrieländern liegt zu viel Fleisch. Was tun?

Forscherinnen der Fachhochschule Wiener Neustadt und der Boku Wien analysierten, was Menschen dazu bewegt, ihre Ernährung CO2-freundlicher zu gestalten – von Ekel- und Schuldgefühlen über alternative Kochrezepte bis hin zu vegetarischen Menüs in Kantinen.

Die Flexitarier sind in Österreich auf dem Vormarsch. Etwa jeder Zweite hierzulande bemüht sich darum, den Konsum tierischer Produkte zu reduzieren. „Diese Anzahl ist im Steigen begriffen“, sagt Karin Dobernig, Leiterin des neu gegründeten Instituts für Nachhaltigkeit an der FH Wiener Neustadt am Standort Wieselburg. Die Richtung stimmt also, auch wenn der Weg zu einer CO2-freundlichen Ernährung noch ein weiter ist. Aber was bringt (mehr) Menschen dazu, noch öfter auf den Frühstücksspeck, die faschierten Laibchen zu Mittag und die Wurstjause zu verzichten?

Dieser Frage ging Dobernig gemeinsam mit Tatjana Kwasny (FH Wiener Neustadt) und Petra Riefler (Boku Wien) nach. Die Nachhaltigkeitsforscherinnen untersuchten, welche Maßnahmen und Interventionen eine stärker pflanzenbasierte Ernährung fördern – und welche ins Leere laufen. „Neben der Vermeidung von Lebensmittelabfällen ist die Reduktion von Fleisch wesentlich für eine klimafreundliche Ernährung“, erklärt Dobernig. Immerhin ist der Viehsektor für 14,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen – allen voran Methan – verantwortlich. Darüber hinaus beschäftigt sich die Sozialwissenschaftlerin mit der Rolle von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Konsumnetzwerken im Ernährungsbereich, wie Food Sharing oder Gemeinschaftsgärten. „Auch damit können Veränderungen im Denken und Handeln rund um nachhaltigen Konsum angestoßen werden.“

 

Gesundheit zieht mehr als Klimaschutz

99 Studien, die sich – quer durch alle Disziplinen – mit Maßnahmen zur Reduktion von Fleischkonsum beschäftigen, haben Dobernig und ihre Kolleginnen geprüft. Eine essenzielle Erkenntnis ihrer systematischen Analyse: Botschaften, die gesundheitliche Aspekte in den Vordergrund stellen, kommen besser an. „Sie sind wirksamer als Botschaften, die sich auf ökologische Konsequenzen fokussieren.“ Sinnvoll seien zudem Informationen, die zielgruppenspezifisch – auch mit Blick auf verschiedene kulturelle Gruppen – gestaltet sind und mit konkreten Maßnahmen kombiniert werden, etwa mit Hilfestellungen zum Kochen vegetarischer Speisen.

Botschaften, die ebenfalls erfolgreich ins Schwarze treffen, sind solche, die unterstützt von visuellen Reizen Emotionen wie Empathie oder Ekel auslösen. Dobernig spricht mit Verweis auf das Konzept der kognitiven Dissonanz von einem „Fleisch-Paradoxon“: „Auf der einen Seite mag man Tiere und findet sie süß, aber auf der anderen Seite isst man sie. Damit müssen Menschen, die Fleisch essen, umgehen.“ Maßnahmen, die diese Dissonanz bewusster machen, etwa ein Bild von einem kleinen Kälbchen neben dem verpacktem Kalbfleisch, könnenzu Fleischverzicht führen.

Eine andere Gruppe von Interventionen kann als „Nudging“ („Anstoßen“) zusammengefasst werden. Sie versucht, Verhaltensweisen subtil zu beeinflussen: „Das sind kleine Veränderungen im Entscheidungskontext, die zum richtigen Verhalten anstupsen sollen.“ Ein Beispiel dafür ist die Menügestaltung in Mensas oder Kantinen, bei der das jeweils vegetarische Gericht nicht als Alternative, sondern als Standard angeboten wird. Vor allem in diesem Bereich seien die Befunde gemischt, die Forschungslage ist lückenhaft. „Die Interventionen, die experimentell überprüft wurden, sind überschaubar“, sagt Dobernig. „Darum wollen wir uns diesem Thema in der Zukunft verstärkt widmen.“ Die Nachhaltigkeitsforschung würde jedenfalls davon profitieren, über den eigenen Tellerrand in Richtung Gesundheitswissenschaften zu schauen – auch wenn das Hauptaugenmerk der Studien in dem Bereich auf kranken oder gesundheitlich vorbelasteten Menschen liege. „Diese haben freilich andere Motive und Anreize, die Ernährung umzustellen, aber die Untersuchungen können trotzdem wertvolle Erkenntnisse liefern.“

Konkrete politische Maßnahmen zur Reduktion des Fleischkonsums der eigenen Bevölkerung wurden allerdings bislang – abgesehen von Einzelinitiativen wie „Veggie Days“ in Schulen – in noch keinem Land umgesetzt. Denkbar, so Dobernig, sei zudem etwa eine Fleischsteuer oder eine Einschränkung von Werbung für Billigfleisch.

IN ZAHLEN

9,4 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher ernähren sich vegetarisch, 1,2 Prozent vegan.

14,5
Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen werden vom Viehsektor bzw. von der industriellen Tierhaltung verursacht. Sie zählt zu den wichtigsten Einzelquellen von Methan.

500 Gramm rotes und verarbeitetes Fleisch pro Woche auf dem Teller sind die Obergrenze. Alles darüber hinaus kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2022)